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Dr. Frauke Surmann

Institut / Einrichtungen:

Fachgebiet / Arbeitsbereich:

(T)Räume des Politischen. Theatrale Inszenierungen von Kollektivität zwischen Kunst, Politik und Urbanismus.

Postdoktorandin

Adresse
Grunewaldstr. 34
12165 Berlin

(T)Räume des Politischen.

Theatrale Inszenierungen von Kollektivität zwischen Kunst, Politik und Urbanismus.

Ausgehend von Richard Sennetts Gegenwartsdiagnose, der zufolge es uns nicht nur an einem gangbaren Modell, sondern bereits an der Vorstellung eines demokratischen Stadt­raums mangelt (Sennett 2006: 4), untersucht das Forschungsvorhaben urbane Inszenierungen von Kollektivität, die diesem Mangel entgegenwirken, indem sie – so die These – reale ebenso wie imaginäre (T)Räume des Poltischen eröffnen.

Das Politische versteht sich dabei als Moment einer politischen Differenz (Bedorf u. Rött­gers 2010; Bröckling u. Feustel 2010; Marchart 2010), wie sie Philippe Lacoue-Labarthe und Jean-Luc Nancy ausgehend von Carl Schmitts Reflexionen über den Be­griff des Politischen (1932) erstmals konzeptualisiert haben (Lacoue-Labarthe u. Nancy 1981). Die politische Differenz scheidet das Politische – le politique – als ontologischen Akt des kollektiven Instituierens (vgl. Arendt 1958; Castoriadis 1975; Lefort 1992; 1990; 1986) von der Politik – la politique – als ontischer Aktualität des Kollektivs. Als zweckfreie (Arendt 1958: 170 u. 226) Kraft der Erfindung (Beck 1993), Formierung und Gestaltung bedingt das Politische im Sinne einer adverbialen Modalität (Vollrath 1987: 49) die theatrale Inszenierung spezifischer „Geographies of Encounter“ (Valentine 2008; Dirks­meier u.a. 2011), die die relationale Präsenz einer temporären Versammlung in Szene setzen und zur Aufführung bringen ohne deren „Bedeutung und Wirkung vorwegzu­nehmen“ (Rancière 2008: 121). Das symbolische, sinn-und formstiftende Primat (vgl. Hirsch 2010: 345) des Politischen evoziert folglich eine kollektive Präsenzerfahrung, die in ihrer horizontalen, auf unvorhersehbaren Begegnungen basierenden Organisations­struktur eine vorübergehende Dramatisierung des Ordnungsraums ‚Stadt’ (Mumford 1961) zur Folge hat. Dem liegt ein kulturtheoretischer Theatralitätsbegriff (Willems 2009: 14) zugrunde, in dem sich Medialität, Korporalität und ein Modus gesteigerter Aufmerk­samkeit miteinander verschränken.

Als Fallstudien dienen multimediale Inszenierungen von Kollektivität in der Perfor­mance­­­kunst, politischen Protestbewegungen und stadtplanerischen Initiativen.

Hierzu zählen neben den im institutionalisierten Kunstraum angesiedelten Arbeiten von Christian Falsnaes die ortsspezifischen Performanceinstallationen von Signa, Dries Ver­hoevens urbane Interventionen sowie die interaktiven Erfahrungswelten und Spiele im öffent­lichen Raum der beiden Künstlerkollektive Matthaei&Konsorten und Invisible Play­ground. Sie alle experimentieren mit einer theatralen Inszenierung ereignishafter Kollek­ti­vi­tä­ten, die sie im Spannungsfeld zwischen kollektivem Spiel und sozialer Realität in Szene setzen und affektiv erfahrbar machen.

Überdies zählen hierzu kulturelle Praktiken des politischen Protests, wie sie insbeson­de­re im Rahmen der von New York ausgehenden Occupy-Bewegungen sowie der Platz­beset­zungen in Kairo, Athen, Istanbul und Kiew in Erscheinung traten. Im Vollzug ihrer gemeinsamen Verkörperung realisierten, reflektierten und konstituierten die Protestieren­den eine Bühne des Politischen und transformierten im Zuge dessen vorübergehend eine bestehende Gesellschaftsordnung. Das Politische offenbarte sich hier als „radikale Grund­macht“ des Kollektivs (Castoriadis zit. n. Seyfert: 263).

Mit der von den Niederlanden ausgehenden Shared-Space-Bewegung und dem Park(ing) Day stehen schließlich urbanistische Formen der kollektiven Aneignung und Gestaltung des Stadtraums im Zentrum der Analyse, in denen urbane Kollektivität als praktischer Handlungsvollzug realisiert und erfahren wird.

In der ihnen eigentümlichen Überlagerung und Verschränkung digitaler Technologien und urbaner Präsenzerfahrung verstehen sich die ausgewählten Fallbeispiele als Prakti­ken eines „taktischen Urbanismus“ (Lydon 2012; Lydon u.a. 2011; Pfeifer). Als solche stellen sie die bestehende Ordnung des städtischen Raums, in die sie intervenieren, in Frage und er­öff­nen zugleich alternative Formen von Urbanität. Entsprechend werden sie als partikulare Arti­kulationen des Politischen analysiert, die sich im performativen Vollzug ihrer kollekti­ven Verkörperung temporär zu politischen Realitäten verdichten. In der Gleichzeitigkeit von körperbasierter Raumaneignung und -(um)gestaltung manifestiert sich dabei gleich­sam ein »Recht auf Stadt« (vgl. Lefebvre 1968). Indem die ausgewählten Fallbeispiele spezifische Erscheinungsformen ermöglichen, während sie andere negieren (vgl. Rancière 2002: 101), rahmen sie einen Imaginations- und (Ver)Handlungsspielraum, in dem demokratische (T)Räume gleichsam präfigurativ (Boggs 1977; Epstein 1991; Duncombe 2007) entworfen und erprobt werden können. Kollektivität wird hier also nicht als vordefinierte Entität, sondern im Sinne einer jedem gleichermaßen zur Verfügung stehen­den Gestaltungsmacht (Harvey 2008: 2) in Szene gesetzt und produziert. Diese geht mit der an alle Teilnehmer gleichermaßen gerichteten Ver­pflichtung einher, sich im Akt ihres verkörpernden Vollzugs handelnd mitverant­wort­lich für die demokratische Forma­tion einer politischen Kollektivität (vgl. Nancy 1988) zu zeigen, bei der es sich „nicht um eine Institution oder einen Status, sondern um eine kollektive Praxis handelt.“ (Balibar 2013; Sassen u. Rogoff 2014)

Die Fallbeispiele werden einer aufführungstheoretischen, interkulturell vergleichenden Feldanalyse unterzogen. Diese steht im Zeichen der folgenden untersuchungsleitenden Fragen:

 

  • Welche (T)Räume des Politischen werden hier im einzelnen produziert und auf wel­chen ästhetischen Praktiken und digitalen Technologien beruht ihre Produk­tion?
  •  Welche Rolle spielen Partizipation, Autorschaft und Verantwortung für die sich in ihnen vorübergehend konstituierende Kollektivität?
  • Wie verhalten sich jene (T)Räume des Politischen zu der politischen Situation innerhalb derer sie erscheinen und inwiefern wirkt der sich in ihnen antizipierte Wandel auf die politische Realität des urbanen Raums zurück?

 

Dabei offenbart sich die theatrale Inszenierung von Kollektivität als migratorisches und grenzüberschreitendes Modell. Entsprechend stehen neben der Frage danach, wie die untersuchten (T)Räume des Politischen sich miteinander vernetzen, voneinander lernen und sich ebenso wie die politische Situation, innerhalb derer sie statthaben, im Zuge wechselseitiger Appropriationen transformieren, überdies transversale Verflechtungs­ten­den­zen zwischen den einzelnen Inszenierungen des Politischen im Zentrum der Unter­suchung.

Die besondere Herausforderung dieses interkulturell ausgerichteten Analyse­ver­fah­rens besteht in der Engführung mehrerer bislang vornehmlich getrennt voneinander operie­render Forschungsfelder. Insbesondere hinsichtlich einer angemessenen Kategori­sie­rung der theatralen Inszenierung von Kollektivität in ihrer grenzüberschreitendenden Interkulturalität und Transmedialität müssen diverse disziplinspezifische Methoden und Terminologien einer kritischen Revision unterzogen und zugunsten eines interdisziplinä­ren Forschungsansatzes aktualisiert und/oder modifiziert werden. Als notwendig erweist sich vor diesem Hintergrund die Erweiterung des theaterwissenschaftlichen Methoden­ap­pa­rats im Sinne der Entwicklung einer interdisziplinären Methodologie und Terminologie, in der sich theaterwissenschaftliche und performancerelevante Theorien und Analyse­ver­fahren mit (stadt)soziologischen, politiktheoretischen, philosophischen und kulturanthro­po­lo­gischen Erkenntnissen und Methoden verschränken.

Wissenschaftlich relevant ist das Forschungsvorhaben nicht nur für die Kunst-, Kultur- und Sozialwissenschaften, sondern auch für die Architektur und Stadtplanung. Der auf­führungstheoretische Forschungsansatz ermöglicht die erstmalige wissenschaftliche Erfassung der performativen Konstitution temporärer und fluider Kollektivitäten im Stadt­raum und theoretisiert ihre materiellen, medialen, operativen und affektiven Bedingungen und Funktionsweisen. Entsprechend versteht sich das Projekt auch als Beitrag zu einer zeitgenössischen Urbanistik, die die Stadt als ebenso komplexes wie offenes System begreift, wie sie sich in der Überlagerung und Verschränkung einer Vielzahl theatraler Inszenierungen von Kollektivität permanent neu formiert. Mit Blick auf die Erfassung transversaler Verflechtungstendenzen ist das Projekt überdies von maßgeblicher sozio­politischer Relevanz.

Deutsche Forschungsgemeinschaft