Grußwort von Prof. Dr. Dieter Lenzen

Prof. Dr. Dieter Lenzen

Prof. Dr. Dieter Lenzen Foto: David Ausserhofer

(Präsident der Freien Universität Berlin)

zur Verleihung der Ehrendoktorwürde an Günter Grass und Imre Kertész

 

- Es gilt das gesprochene Wort -

 

Liebe Freunde der Freien Universität Berlin, verehrte Gäste,
verehrte Ehrengäste, Günter Grass und Imre Kertész

es ist mir eine besondere Freude, Sie heute bei unserer ersten Veranstaltung der „Dahlemer Impulse“ begrüßen zu dürfen – und ich denke, ich spreche in unser aller Namen, wenn ich sage: es ist uns allen eine besondere Ehre, heute dabei sein zu dürfen, wenn wir Günter Grass und Imre Kertész, zwei bedeutende Schriftsteller unserer Zeit, mit dem Doctor honoris causa für ihre Lebenswerke auszeichnen.

Natürlich ist es aber nicht nur die Verleihung der Ehrendoktorwürde durch unseren Fachbereich Philosophie und Geisteswissenschaften, die Sie alle hierher nach Dahlem geführt hat – vielmehr treffen wir uns heute in unserem deutschen „Oxford“, wie es schon um die Wende zum 20. Jahrhundert durch die vielen wissenschaftlichen Institute in Dahlem begründet wurde und aus dessen Geist heraus die Freie Universität Berlin 1948 entstanden ist, um bei dem Gespräch zweier großer Schriftsteller über die Fragen unserer Zeit und unserer Zukunft dabei zu sein. Mit Günter Grass und Imre Kertész haben wir für den heutigen Tag zwei Ehrengäste gewonnen, deren kritische Zeitzeugenschaft von der Welt des 20. Jahrhunderts ebenso geprägt wurde wie sie umgekehrt Welt und Gesellschaft des 20. Jahrhunderts mit ihren Zeitanalysen geprägt haben.

Denn für Grass wie Kertész ist Literatur das Medium, um Geschichte aufzuarbeiten – das macht sie zu den wichtigen Autoren des eben vergangenen Jahrhunderts, das wie kein zweites der Aufarbeitung bedarf.

Entsprechend hat Imre Kertész einmal betont: Wenn historisch Bedeutsames geschieht, müsse man als Schriftsteller reagieren. Für Günter Grass, der 1999 den Nobelpreis für sein Lebenswerk erhielt, „weil er in munterschwarzen Fabeln das vergessene Gesicht der Geschichte gezeichnet hat“, wie das Nobelpreiskomitee schrieb, ist gerade Literatur „das tauglichste Mittel, Geschichte von unten zu reflektieren“, denn wer die Vergangenheit verdrängt, so Grass, der werde in der Gegenwart nicht bestehen können, und auch nicht in der Zukunft.

Günter Grass sucht in seinem Werk nach den Wurzeln von Geschichte – und stößt in seinen Romanen immer wieder auf die Erkenntnis, dass es einen Ursprung gibt, an dem die Wurzeln des Bösen und des Guten verschlungen liegen – oder wie er es in den „Hundejahren“ selbst geschrieben hat: „Als Gott noch zur Schule ging, fiel ihm auf dem himmlischen Pausenhof ein, mit seinem Schulfreund, dem kleinen begabten Teufel, die Welt zu erschaffen“.

Imre Kertész, der jüngst in einem Tagesspiegel-Interview betonte: „Ich habe den „Roman eines Schicksalslosen“ geschrieben, damit man erkennt, wie ganz normale Menschen in eine Anomalie hineingestoßen werden, die zur unausweichlichen Realität wird“, wurde 2002 der Nobelpreis für Literatur verliehen „für ein schriftstellerisches Werk, das die zerbrechlichen Erfahrungen des Einzelnen gegenüber der barbarischen Willkür der Geschichte behauptet“, so das Nobelpreiskomitee. Seine eigene Biographie, die ihn von den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten in die kommunistische Diktatur führte, ließ ihn zu dem Schluss kommen, wie er in dem erwähnten Interview betonte, dass alles Leben Anpassung ist – die Fähigkeit des Gefangenen, sich in Auschwitz zurecht zu finden, sei dabei ein Ergebnis desselben Prinzips, das im Alltag, im menschlichen Zusammenleben zum Ausdruck kommt.

So haben wir mit Günter Grass und Imre Kertész heute zwei Ehrengäste, deren Erfahrungen und Wahrnehmungen des vergangenen Jahrhunderts unser aller Denken mitgeprägt hat, denn ihre Analysen haben in erheblichem Maße dazu beigetragen, dass wir lernten, unsere Geschichte zu begreifen.

Wenn wir nun später nach dem festlichen Verleihungsakt dem Gespräch der beiden Schriftsteller folgen dürfen, so wird sich dieses Ereignis einreihen in eine lange Tradition an der Freien Universität Berlin zur Förderung des literarischen Austauschs, die nicht zuletzt in der Samuel-Fischer- und der in diesem Jahr neu eingerichteten Heiner-Müller-Gastprofessur zum Ausdruck kommt, durch die kontinuierlich zeitgenössische Literaten aus aller Welt an der Freien Universität Berlin die Studenten an ihrer Arbeit teilhaben lassen.

Zudem wird mit der heutigen Festveranstaltung wieder öffentlich sichtbar, was in der Entwicklung unserer Universität stets gegolten hat: die große Bedeutung der Geisteswissenschaften, deren Fächerspektrum stets etwa zwei Drittel der Universität ausgemacht hat und auch weiterhin ausmachen wird. Auch in den aktuellen Strukturplanungen der Freien Universität Berlin, in den von uns konzipierten Clusters of Excellence, werden die Geisteswissenschaften eine wichtige Rolle spielen, denn im so von uns benannten „Center for the Humanities“ haben wir vier große geisteswissenschaftliche Schwerpunktthemen zusammengeführt – Ästhetische Erfahrung; Kulturelle Transformationsprozesse; Alte Welt und Europäische Kultur; Transkulturalität –, die einen wichtigen Beitrag leisten werden bei der Ausrichtung unserer Universität auf exzellente Schwerpunktzentren, in denen unsere Wissenschaftler Antworten auf die Fragen und Bedarfe unserer Zeit erarbeiten werden.

Wenn wir nun heute die Ehre haben, zwei Literaturnobelpreisträger gemeinsam auf die Bühne der Freien Universität Berlin zu bitten, so bietet sich uns hier die besondere Gelegenheit, mit Günter Grass und Imre Kertész gemeinsam ein Stück unserer Geschichte Revue passieren zu lassen und unsere Zukunft zu imaginieren. Ich bin sicher, von Dahlem wird dadurch ein Impuls ausgehen, wir alle werden ihn mitnehmen und hineintragen in unsere Tage, die so viel Veränderung in allen Lebensbereichen mit sich bringen, dass das Bewußtsein unserer Herkunft von besonderer Bedeutung ist, um das Neue gestalten zu können.

Dass gerade die Freie Universität geeigneter Ort der heutigen Begegnung ist, betont auch Bundeskanzler Gerhard Schröder, aus dessen Grußbotschaft zum heutigen Festakt ich abschließend zitieren möchte – den vollen Wortlaut haben Sie, verehrte Gäste, vor sich liegen. Gerhard Schröder schreibt: „60 Jahre nach Kriegsende ist es sicher nicht nur für mich eine tiefe Freude und Ermutigung, dass zwei europäische Schriftsteller gemeinsam für ihr Lebenswerk geehrt werden, die in besonderer Weise für die Auseinandersetzung mit den Schrecken des Krieges und der totalitären Gewaltherrschaft, aber auch für die Kraft des Inidividuums selbst unter unvorstellbaren Bedigungen stehen. Und dass dies durch eine Universität geschieht, die seit ihrer Gründung – und nicht nur durch ihren Namen – für die Freiheit des Denkens und die Unabhängigkeit des Geistes steht“.

Als Präsident dieser Freien Universität danke ich Ihnen, unseren Ehrengästen, verehrter Herr Grass, verehrter Herr Kertész, dass wir Sie heute hierher nach Dahlem einladen durften, ich danke weiterhin dem Fachbereich Philosophie und Geistes-wissenschaften für sein großes Engagement bei dieser ersten Veranstaltung der „Dahlemer Impulse“, ich danke schließlich der Abteilung für Außenangelegenheiten für ihren unermüdlichen Einsatz bei der Organisation dieses festlichen Ereignisses sowie dem Tagesspiegel, der uns als Medienpartner unterstützt hat – und möchte Sie, verehrte Gäste und Freunde der Freien Universität Berlin, noch einmal herzlich willkommen heißen zu dieser außergewöhlichen Stunde der Begegnung mit zwei großen Schriftstellern unserer Zeit.