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Kernkompetenz Wissenschaftliches Schreiben

    

„Schreiben ist Medium und Modus universitärer Kommunikation, ja vielleicht deren wichtigster Modus[1] (Konrad Ehlich und Angelika Streets).

Gerade weil wissenschaftliche Wissensproduktion in den Geisteswissenschaften im Wesentlichen rhetorisch-argumentative Textarbeit bedeutet, ist das Schreiben eine Kernkompetenz, die eigene Beachtung finden sollte – und eigenständig geschult werden muss.

   

Was meint eine wissenschaftliche Schreibkompetenz?

Wissen­schaftliches Schreiben kann als eine Verflechtung literaler Praktiken verstanden werden, die über formelle Aspekte (z. B. Zitierstandards) hinaus vor allem durch eine Vielzahl informeller Konventionen gekennzeichnet sind – dazu zählen z. B. die Wissenschaftssprache und disziplinspezifische Jargons, adressatenorientiertes Schreiben oder die Regeln wissen­schaft­licher Diskussionsführung. Als Schreibkompetenz verstehen wir daher – in Anschluss an die schreibdidaktische Forschung – diese formellen wie informellen Regeln zu kennen sowie zielgerichtet mit Ihnen umgehen zu können. Die Grundvoraussetzung dafür ist dass allen Beteiligten, Lehrenden wie Lernenden, bewusst ist, dass es sich beim wissenschaftlichen Schreiben um eine eigene Kompetenz handelt, die nicht automatisch von vermeintlichen 'Talenten' mitgebracht wird, sondern die vielmehr von allen erst im Rahmen einer wissenschaftlichen Ausbildung erlernt und als solche geschult werden muss.

 

Was hat Schreibkompetenz mit Partizipation & Teilhabe zu tun?

Diskursgemeinschaften – egal ob wissenschaftlich oder nicht – akzeptieren und rezipieren das Gesagte vorzugsweise nur dann, wenn es ihren spezifischen kommunikativen Regeln gerecht wird. Für den kommunikativen Erfolg ist es daher von höchster Wichtigkeit, die Kommunikationsregeln der entsprechenden Diskursgemeinschaften zu kennen und zielgerichtet mit ihnen umgehen zu können. Schreibkompetenz schafft damit die Möglichkeiten für Partizipation und Teilhabe in einer bestimmten Community.

 

Was hat Schreibkompetenz mit Diversity & Chancengleichheit zu tun?

Sprache und Habitus, die durch eine voruniversitäre Sozialisation geprägt wurden, sind wesentliche Ausschlussmechanismen der akademischen Kultur in Hinblick auf Ungleichheitsdimensionen wie sozioökonomische Herkunft oder Migrations­hintergrund. Die Wahrscheinlichkeit, dass Studierende akademische Ausdruckskompetenzen und Kenntnisse insbesondere informeller akademischer Kommunikationsregeln bereits mitbringen, ist höher, wenn sie aus einem Akademikerhaushalt kommen. Ebenso ist es wahrscheinlich, dass Studierende, die vor der Aufnahme eines Studiums an einer deutschen Universität zunächst an ausländischen Universitäten akademisch sozialisiert wurden, die spezifisch deutschen akademischen Konventionen (noch) nicht kennen. Studierende kommen also mit unterschiedlichen Startbedingungen an die Universität – und dies insbesondere in Hinblick auf jene Kompetenz, die von zentraler Relevanz für Partizipation & Teilhabe ist.

Dass wissenschaftliches Schreiben in der Lehre wie auch in verschiedenen Einrichtungen der Universitäten bewusst adressiert wird und als Kernkompetenz geschult wird, bildet einen wichtigen Baustein zur Verringerung struktureller (Chancen-)Ungleichheiten.

   

   

  

Literaturhinweise zum Thema wissenschaftliches Schreiben an Hochschulen:

Beaufort, Anne: College Writing and Beyond. A New Framework for University Writing Instruction. Logan, UT: Utah State Univ. Press 2007.

Ehlich, Konrad (Hrsg.) / Angelika, Steets (Hrsg.): Wissenschaftliches Schreiben – lehren und lernen. Boston / Berlin: De Gruyter 2003.

Gruber, Helmut [et al.]: Genre, Habitus und wissenschaftliches Schreiben. Eine empirische Untersuchung studentischer Texte. Wien [u.a.]: Lit 2006 (Wissenschaftliches Schreiben. Analyse und Methode 1).

Jakobs, Eva-Maria (Hrsg.) / Knorr, Dagmar (Hrsg.): Schreiben in den Wissenschaften. Frankfurt a. M. [u. a.]: Peter Lang 1997 (Textproduktion und Medium 1).

Preußer, Ulrike (Hrsg.) / Sennewald, Nadja (Hrsg.): Literale Kompetenzentwicklung an der Hochschule. Sennewald. Frankfurt a. M. [u. a.]: Peter Lang 2012.

Röding, Dominik: Inanspruchnahme von Schreibberatung. Eine Evaluationsstudie unter besonderer Berücksichtigung der Theorie sozialer Ungleichheit. Frankfurt (Oder): Schreibzentrum der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) 2017 (Schreiben im Zentrum. Beiträge zur Schreibzentrumsforschung 9).

Steinhoff, Torsten: Wissenschaftliche Textkompetenz. Sprachgebrauch und Schreibentwicklung in wissenschaftlichen Texten von Studenten und Experten. Tübingen: Niemeyer 2010 (Germanistische Linguistik 280).

Thillosen, Anne: Schreiben im Netz. Neue literale Praktiken im Kontext Hochschule. Münster [u. a.]: Waxmann 2008 (Medien in der Wissenschaft 49).

 

Literaturhinweise zum Thema Ungleichheit im akademischen Raum:

Bourdieu, Pierre: Homo academicus. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1988 (1984).

Sander, Tobias (Hrsg.): Habitussensibilität. Eine neue Anforderung an professionelles Handeln. Wiesbaden: Springer VS 2014.

Kergel, David (Hrsg.) (et al.): Praxishandbuch Habitussensibilität und Diversität in der Hochschullehre. Wiesbaden: Springer VS 2019 (Prekarisierung und soziale Entkopplung – transdisziplinäre Studien).

    

  


[1] Ehlich, Konrad / Steets, Angelika: „Welche Rolle spielt das Schreiben im Rahmen der wissen­schaftlichen Ausbildung? Ergebnisse einer fakultätsübergreifenden Umfrage an der LMU im Sommersemester 1999“ (2000). Zitiert nach: Dittmann, Jürgen [et al.]: „Schreibprobleme im Studium. Eine empirische Untersuchung“. In: Wissenschaftliches Schreiben – lehren und lernen. Hrsg. v. Konrad Ehlich und Angelika Steets. Boston / Berlin: De Gruyter 2003, S. 155–186, hier S. 156.

    

    

  


Bildquellen:

"Fifteen medical professors at the University of Vienna. Lithograph by or after A. Prinzhofer, 1853". Credit: Wellcome Library, London. Used under Creative Commons Attribution 4.0 International license. Cut out of original.

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