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Jan Lietz

jan-lietz
Bildquelle: Privat

Freie Universität Berlin

Friedrich-Schlegel-Graduiertenschule

Das Philologische Laboratorium

Wissenschaftlicher Mitarbeiter

Adresse
Friedrich Schlegel Graduiertenschule für literaturwissenschaftliche Studien
Habelschwerdter Allee 45
14195 Berlin

Jan Lietz ist seit März 2018 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsprojekt Das Philologische Laboratorium. Neue Modelle des Umgangs mit Kunst jenseits der Kritik. Nach einem fernsehjournalistischen Volontariat in Köln studierte er von 2008 bis 2015 die Fächer Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft und Theaterwissenschaft an der Freien Universität Berlin und an der Université Paris 8 – Vincennes – Saint-Denis. Ab März 2011 wurde er bis zum Abschluss seines Masterstudiums von der Studienstiftung des deutschen Volkes gefördert. Von Oktober 2015 bis März 2022 studierte er im strukturierten Promotionsstudiengang Literary Studies an der Friedrich-Schlegel-Graduiertenschule für literaturwissenschaftliche Studien an der Freien Universität Berlin. Von September bis Dezember 2016 war er Visiting Student Research Collaborator an der Princeton University, USA. Im März 2022 hat er seine Promotion an der Friedrich Schlegel Graduiertenschule zum Thema 'Haltung' und Realismus. Zur Anthropologie, Ethik und Geschichtsphilosophie literarischer Wirklichkeitsverhältnisse (Georg Lukács, Bertolt Brecht, Walter Benjamin, Theodor W. Adorno, Alexander Kluge) abgeschlossen.

Forschungsinteressen

Ästhetik und Poetik (um 1800)
Poetologie / Theorie des Romans
(Post-)Marxistische Literaturtheorie / Kritische Theorie
Politische Narratologie
Gegenwartsliteratur

Dissertationsprojekt

‚Haltung‘ und Realismus. Zur Anthropologie, Ethik und Geschichtsphilosophie literarischer Selbst- und Wirklichkeitsverhältnisse (Georg Lukács, Bertolt Brecht, Walter Benjamin, Theodor W. Adorno, Alexander Kluge)

Ist heute von politischer Literatur die Rede, wird allzu oft eine suggestive Metapher bemüht, die begrifflich schwer zu fassen ist: die ‚Haltung‘. Entgegen ihrer vermeintlichen Selbstevidenz kann ‚Haltung‘ im deutschen Sprachgebrauch vieles meinen: von einer kognitiven, rationalen oder moralischen Einstellung über eine politische Position bis hin zu körperlichen Posen oder der Fähigkeit zur Selbstbeherr­schung. Sie spricht vom Anhalten, von Zurückhaltung, Distanz und (soldatischer) Disziplin, zugleich jedoch vom Verhalten und Handeln in rezeptiver Bezug­nahme auf die Welt, ein Objekt, eine Person. Immer wieder fungiert sie als Nexus semantischer Kurzschlüsse, in denen der aufrechte Gang einer Person als Zeugnis ihres aufrechten Charakters herangezogen oder aber eine von dieser Norm abweichende Gangart als Zeichen eines Mangels an moralischer Standfestigkeit verstanden wird. Im Kontext von Literatur wird mit der ‚Haltung‘ zumeist ein politisches Engagement behauptet, ein Einstehen für oder Standhalten gegen bestimmte Werte und gesellschaftliche Entwicklungen, mitunter eine Reflexion auf den eigenen Klassenstandpunkt. Abgezielt wird dabei weniger auf eine bloß theoretische Positionierung als auf ein praktisches Verhalten, dessen Deckung mit den proklamierten Überzeugungen durch Begriffe wie Authentizität oder Integrität bewertet wird.

So geläufig ein solches Verständnis von ‚Haltung‘, so unbefriedigend ist es aus literaturtheoretischer Perspektive. Schließlich wird der politische Einsatz von Literatur derart allzu oft auf Fragen der Gesinnung, der Persönlichkeit oder des Charakters der Schreibenden verkürzt, die sich mit der Selbstattribuierung durch die ‚Haltung‘ einen Anschein von Stärke und Standfestigkeit zu verleihen versuchen. Zu einem komplexeren Verständ­nis des Politischen der Literatur kann der Begriff beitragen, wenn er nicht als einfache Antwort missbraucht, sondern zunächst zur Formulierung einer Reihe von Fragen genutzt wird. Im Begriff der ‚Haltung‘ stellen sich anthropologische, ethische und geschichtsphilosophische Fragen nach dem menschlichen Wirklichkeitsverhältnis: Welches Verhältnis hat der Mensch zu sich selbst und zur Wirklichkeit? Ist er Gestalter dieses Verhältnisses oder passiver Beobachter der über ihn herrschenden Verhält­nis­se? Wie bestimmt sein Verhältnis in den Verhältnissen das Verhältnis, das er zu ihnen und sich selbst hat oder zu haben glaubt? (Wie) kann er sich emanzipatorisch verhalten? Was ist der Mensch im Verhältnis zu (seiner) Natur, Gesellschaft und Geschichte?

Seit dem frühen 20. Jahrhundert wurde im deutschsprachigen Raum eine kunsttheoretische Auseinandersetzung geführt, die im Zeichen tiefgreifender gesellschaftlicher Umbrüche keine kleineren und keine größeren Fragen an die Literatur hätte stellen können. Insbesondere Georg Lukács und Ernst Bloch, Bertolt Brecht und Walter Benjamin, Theodor W. Adorno und noch Alexander Kluge stritten in der Expressionismus- bzw. Realismusdebatte und deren Ausläufern um die Darstellung des menschlichen Wirklichkeitsverhältnisses in Kunst und Literatur. Gerade solcher, die sich ‚realistisch‘ nennt. Zugleich haben sie sich alle (mit Ausnahme von Bloch) explizit und kritisch mit dem Begriff der ‚Haltung‘ auseinandergesetzt. In dieser mit unterschiedlicher Gewichtung insbesondere durch Immanuel Kant, G.W.F Hegel und Karl Marx geprägten Theorielinie wird mit der ‚Haltung‘ die Verdinglichung des menschlichen Selbst- und Wirklichkeitsverhältnisses thematisch, mithin die Transformationen bürgerlicher Vorstellungen von Subjektivität, individueller Autonomie und Mündigkeit in der kapitalistischen Moderne. Die produktive Provokation des Begriffs liegt darin, dass er – als sozialer Imperativ an das Subjekt – zwar als zeitgenössisches Symptom der Entfremdung verstanden wird, als solches aber zugleich die Frage nach einer emanzipatorischen Praxis stellt.

Dabei hat sich der Begriff der ‚Haltung‘ die­sen Autoren nicht bloß als ideologische Chiffre ihrer Zeit aufgedrängt: Vielmehr hängen die in diesem Begriff ausgetragenen anthropologischen, ethischen und geschichtsphilosophischen Fragen mit poetologischen Problemstellungen des literarischen Realismus zusammen. Das Zentrum dieser Diskussion bildet ein emphatisches Verständnis literarischer Form, in dem die mit dem Begriff der ‚Haltung‘ aufgeworfenen subjekttheoretischen Problemstellungen und politischen Ansprüche als zugleich poetische gedacht werden. So wie der Begriff in seinen Implikationen die Debatte durchläuft, durchläuft diese also die Auseinandersetzung mit dem Begriff, der – durch alle Diskussionen um Epochenschreibung, Klassifikation, Stilprinzipien, Verfahren und Me­thoden der Dar­stellung und Gestaltung, der Mimesis, Widerspiegelung oder Referenzialität hindurch – auf ihre geteilte Annahme deutet: Realismus ist eine Reflexion auf das Verhältnis des Menschen zur gesellschaftlichen Wirklichkeit in literarischer Form.

Bücher

Artikel, Kritiken, Kommentare und Berichte

Vorträge

  • The Dialectics of Reality as a Dialectics of Denial. Aspects of Alexander Kluge’s notion of ›Haltung‹, Workshop: Denial. Approaching cultures of ›denialism‹, Södertörn University, Schweden. (Vortrag, 10. März 2022)
  • Der Begriff des ‚Anti-Realismus‘ bei Alexander Kluge, Seminar Literatur und Film, Germanistik Universität Greifswald. (Vortrag und Seminargespräch, 22. Januar 2019)
  • ›Haltung‹ bei Bertolt Brecht, Seminar Breaking Brecht, Germanistik TU Dresden. (Vortrag und Seminargespräch, 4. Dezember 2018.
  • Interaction and Speculation. Rainald Goetz's ›Capitalist Realism‹, Konferenz Realisms, Universität Göttingen, 5. und 6. Juli 2018.
  • Réalisme et Anti-Réalisme. ‹ Haltung › chez Georg Lukács et Alexander Kluge, Colloque Débordements. Littérature, arts, politique, Université Bordeaux Montaigne, 13.-15. Juni 2018.

(Ko-)Organisierte Veranstaltungen

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