Workshop: Philologie und Kritik

Zeit: 21.–22.06.2018
Ort:
Friedrich-Schegel-Graduiertenschule für literaturwissenschaftliche Studien, Freie Universität Berlin
Kontakt: labor@fsgs.fu-berlin.de

 „Nur dann zeige ich, daß ich einen Schriftsteller verstanden habe,“ schreibt Novalis im Blütenstaub-Fragment 29, „wenn ich in seinem Geiste handeln kann, wenn ich ihn, ohne seine Individualität zu schmälern, übersetzen, und mannigfach verändern kann.“ Leicht gesagt, aber in Wahrheit ist die Forderung enorm, die dieser Satz an den Leser — an das ich, das in drei Zeilen vier mal genannt wird — richtet. Wie ist das Verstehen hier zu verstehen? Was bedeutet es, einen Text, einen Schriftsteller, nur dann zu verstehen, wenn ich ihn verändern kann, und zwar „mannigfach“ verändern kann? Gilt diese Forderung, die Novalis an sich selbst stellt, auch für alle jene unter uns, die sich mit Schriftstellern und der Frage nach dem Verstehen beschäftigen? Wenn ja, wie können wir ihr gerecht werden? Wenn nein: Irrt sich Novalis, oder ist sein Satz nicht mehr zeitgemäß?

Das Blütenstaub-Fragment und die Überlegungen, die es provoziert, stecken das Feld unseres Workshops ab. Der Workshop soll Gelegenheit bieten, sich über die Praxis der Literaturwissenschaft Gedanken zu machen, indem wir zwei Begriffe — und zwei unterschiedliche Herangehensweisen — untersuchen und reflektieren, die im Mittelpunkt der Literaturwissenschaft stehen: Philologie und Kritik. Unter dem Titel der Philologie sammeln sich viele Theorien, Methoden und Praktiken, doch eins haben sie gemeinsam, was sie sofort in Spannung bringt zu Hardenbergs Programm: Sie wollen Texte nicht verändern, sondern mit der gesamten Autorität, die einer Wissenschaft zukommt, bewahren. Auch die Kritik benennt eine Vielzahl von Arbeitsweisen, jedoch lässt sich auch hier der Kern der Sache — das Urteilen — nicht leicht mit der Idee vereinbaren, dass das wahre Verstehen mit der Möglichkeit der Veränderung notwendig verbunden sein soll. Gibt es Modelle der Philologie und der Kritik, die den Weg zu einer Art des Verstehen weisen, die wesentlich im Handeln besteht? Gibt es Interferenzen zwischen diesen beiden Praktiken, die uns neue Handlungsweisen öffnen?

Wir laden unsere Teilnehmer/Innen ein, uns einige Wochen vor dem Workshop Texte von maximal 15 Seiten zu schicken. Die Texte können eigene sein oder aus fremder Feder stammen, poetischen oder wissenschaftlichen Charakter haben. Sie sollen dazu dienen, das Gespräch unter uns anzuregen und uns mit neuen Möglichkeiten des Denkens und Handels zu überraschen. Wir bitten die Teilnehmer, die Texte vorher zu lesen, damit im Workshop möglichst viel Zeit für den Austausch von Gedanken bleibt, der auf deutsch und englisch stattfinden kann. Die Denkrichtung kann jeder Teilnehmer in einem fünf bis sieben Minuten langen Referat anzeigen.

Teilnehmerinnen und Teilnehmer: Christoph König (Osnabrück), József Krupp (Budapest), Aden Kumler (Chicago), Melanie Möller (FU Berlin), Eyal Peretz (Indiana), Jürgen Paul Schwindt (Heidelberg), Samir Sellami (Berlin), Dieter Thomä (St. Gallen), Johannes Türk (Indiana), Erica Weitzman (Northwestern), Stefan Willer (ZfL Berlin).

Programm

Donnerstag, den 21.06.2018

14:30 Uhr Begrüßung

14:45 Uhr PANEL 1

  • JÜRGEN PAUL SCHWINDT (Universität Heidelberg): (Un)Kritik und Diaphanie oder Wie handelt die Philologie?
  • MELANIE MÖLLER (Freie Universität Berlin): Kritik und Hypokrise
  • JÓZSEF KRUPP (Budapest): Den Text aus sich selbst – verändern?

17:30 Uhr PANEL 2

  • EYAL PERETZ (Indiana University): Shadow Reading
  • ADEN KUMLER (University of Chicago): Lyric Vessels

Freitag, den 22.06.2018

11:30 Uhr PANEL 3

  • STEFAN WILLER (ZfL Berlin): „Ahndung des Ganzen“, „Verstehen des Einzelnen“: Schleiermachers philologische Hermeneutik
  • CHRISTOPH KÖNIG (Universität Osnabrück): Zur Frage der zweiten Urheberschaft bei Nietzsche
  • JOHANNES TÜRK (Indiana University): Prophylaxe, Konstruktion, Humor: Pragmatische Aspekte der Interpretation bei Freud

15:00 Uhr PANEL 4

  • SIMON SCHLEUSENER (Freie Universität Berlin): Das Außerhalb des Textes: Literaturtheorie nach Derrida und Deleuze
  • SAMIR SELLAMI (Berlin): Vier kritische Manöver und die Unverzichtbarkeit der philologischen Dimension

17:00 Uhr PANEL 5

  • DIETER THOMÄ (Universität St. Gallen): „Ich verlange in allem – Leben, Möglichkeit des Daseins“
  • ERICA WEITZMAN (Northwestern University): Theorien der „Theorie“
  • MICHEL CHAOULI (Indiana University): The Truth Told Urgently
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