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Shai Gordin

Shai Gordin

Shai Gordin

Shai Gordin

 

E-Mail: gordin [at] schriftbildlichkeit.de

 

Dissertationsvorhaben

"Redaktionsgeschichte der Schriftzeugnisse im spätbronzezeitlichen Anatolien.
Analyse der schriftlichen Quellen aus Hattuša in der späten Großreichzeit"

 

Projektbeschreibung

Mein Ziel ist es, Keilschrift-Manuskripte zu analysieren, die von hethitischen Schreibern in der späten Großreichzeit in Hattuša angefertigt wurden. Konkret sollen die Schreibgewohnheiten spezieller Schreiberfamilien oder -schulen beurteilt werden, wie sie sich in den Dokumenten reflektieren, die keilschriftlich in Hethitisch auf Tontafeln kopiert wurden und vorliegen. Das methodische Instrumentarium für die Analyse wird der Diplomatik entnommen, einer speziellen Wissenschaft der Dokument-Analyse. Mit ihrer Hilfe lassen sich die Regeln enthüllen, die die Klassifikation, das physische Layout, die Orthographie und das Schriftbild der Keilschrifttexte bestimmen.

Das hethitische Reich lag in Zentralanatolien (heute: Türkei) und existierte von Beginn des 17. Jahrhunderts v. Chr. an bis um ca. 1200 v. Chr. Die Hauptstadt Hattuša (heute: Boğazköy) war der Wohnsitz der hethitischen Königsfamilie und zentraler Verwaltungsort mit Archiven, die tausende Tontafeln enthielten. Diese waren auf Hethitisch und in Keilschrift geschrieben. Die Beamten, die diese Archive verwalteten, wurden in den hethitischen Quellen mit DUB.SAR 'Schreiber' betitelt. Diese Schreiber waren wahrscheinlich, zumindest während des 13. Jahrhunderts v. Chr., biscriptural, wenn nicht sogar zweisprachig. Das Schreiben der Keilschrift erfolgte auf Tontafeln mit einem Schreibrohr. Gleichzeitig wurde konkurrierend eine Hieroglyphenschrift verwendet, mit der Luwisch aufgezeichnet wurde, eine Sprache, die dem Hethitischen eng verwandt ist. Diese Schrift wurde fast ausschließlich auf Siegeln und für staatlich beauftragte Monumentalinschriften verwendet. Es scheint, dass der größte Teil der luwischen Hieroglyphen nicht auf Tontafeln geschrieben wurde, ausgenommen die sehr wenigen Fälle, in denen Schreiber bei der Unterzeichnung von Texten ihre Namen in diesen hieroglyphischen Zeichen schrieben. Auch die Signierungen erfolgten also in den meisten Fällen keilschriftlich, wobei nicht nur der Name des Schreibers, sondern auch seine Titel, sein Vatersname und die Namen seiner Aufsichtskräfte und Lehrer notiert wurden. Am Ende des hethitischen Grossreiches (in der letzten Hälfte des 13. Jahrhunderts) gab es viele solcher Schreiber, die mit den entsprechenden eigenen Titeln signierten. Mindestens hundert davon waren professionelle Keilschrift-Schreiber, die sich am Kopieren, Redigieren und der Bewahrung der Keilschrifttexte beteiligten. Es scheint so, als hätten diese Schreiber ihre Texte in unterschiedlichen Kanzleien der hethitischen Hauptstadt produziert.

Meine Forschung konzentriert sich auf den Charakter der keilschriftlichen Dokumente, die in den Schreibkanzleien der späten hethitischen Großreichzeit produziert wurden. Die Dokumente werden dabei nach den Regeln der Diplomatik erforscht, einer Hilfswissenschaft zur Textanalyse, die ihren Ursprung im 17. Jahrhunderts hat und die normalerweise beim Analysieren mittelalterlicher Manuskripte angewendet wird. Konkret geht es dabei um das Studium des Wesens und der Entstehung von Dokumenten, Zuerst wird die Handschrift jedes Schreibers analysiert, um zu einer Inventarisierung derjenigen Zeichenformen zu gelangen, die durch jede Kanzlei produziert wurden. Eine solche paleographische Annäherung hilft, eine neue Perspektive auf die bereits weitgehend erforschten Texte der späten hethitischen Großreichzeit zu gewinnen – insbesondere auf deren Schriftbildlichkeit. Jedes der Manuskripte wird einerseits auf interne (objektive) Merkmale, wie Orthographie, logographisches Schreiben und Schreibfehler, untersucht, andererseits aber auch auf externe (subjektive) Merkmale, wie die Anordnung des Textes, Unterteilungen in Paragraphen, Positionierung der Keilschriftzeichen usw. Da viele der zu analysierenden Dokumente Kopien von älteren Dokumenten darstellen, können wir die Schreibgewohnheiten der Schreiber des späten Großreiches mit denen ihrer Vorläufer vergleichen und die Regeln erforschen, die das physische Layout der Texte und deren internen linguistischen Wandel beherrschten.

Vom Punkt der internen Merkmale aus gesehen, sind etwa die Texte des späten Großreichzeit dadurch gekennzeichnet, das hier die logografische Schreibung von Wörtern gegenüber der phonematischen Schreibung eindeutig bevorzugt wird. Diese Studie könnte erklären, ob eine Zeichenwahl, die getroffen wurde, ob es sich um eine Entscheidung handelte, die durch neuere Schreiber-Schulen getroffen wurde. Ein anderes Beispiel, vom Punkt der externen Merkmale aus gesehen, sind die Anordnung der Trennungslinien und der jeweilig belassene Raum zwischen den Zeichen. Warum wurden in einige Kopien aus der späten Großreichzeit die religiösen Feiertagen in drei Spalten auf jeder Seite angeordnet, während ältere Vorläufer diese Feiertage in zwei Spalten angeordnet hatten? Andere Fragen, die bearbeitet werden könnten, sind: Was sind die verschiedenen Niveaus des Schreibens? Verwenden Professionellere Schreiber in der Regel kompliziertere Zeichen? Korrespondiert die Verwendung bestimmter Zeichenarten mit spezifischen Textgenres oder einzelnen Schreiber-Schulen?

 

 

Curriculum Vitae

Seit 10/2008

Promotionsstipendiat im Rahmen des DFG-Graduiertenkollegs 1458 "'Schriftbildlichkeit': Über Materialität, Wahrnehmbarkeit und Operativität von Notationen“ an der Freien Universität Berlin

10/2007-06/2008

Lehrbeauftragter für Hethitisch am Fachbereich für Archäologie und Altorientalistik der Universität Tel-Aviv

10/2006-09/2008

MA-Stipendiat der Fakultät für Geisteswissenschaften der Universität Tel-Aviv

10/2006-06/2008

MA Studium der Archäologie und Altorientalistik (Hethitology) an der Fakultät für Geisteswissenschaften der Universität Tel-Aviv, Masterthema: „Familien der Schreiber von Hattuša in der Großreichzeit. Prosopographie der hethitischen Schreiber im 13. Jh. v. Chr.“

09/2006-08/2008

Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachbereich für Archäologie und Altorientalistik im Projekt der neuassyrischen Titel und Berufe (Prof. Ran Zadok)

10/2004-08/2008

Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachbereich für Archäologie und Altorientalistik im Projekt der hethitischen Prosopographie (Prof. Itamar Singer)

10/2003-06/2006

BA Studium der Archäologie und Altorientalistik an der Fakultät für Geisteswissenschaften der Universität Tel-Aviv („summa cum laude“)

 

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Dahlem Research School