Sergio Ramírez - Samuel Fischer-Gastprofessor im Sommersemester 2001

Sergio Ramírez

Sergio Ramírez

Im Sommersemester 2001 bekleidete der nicaraguanische Schriftsteller Sergio Ramírez Mercado die Samuel Fischer-Gastprofessur. Das Werk des ehemaligen Vizepräsidenten (1984-1990) umfaßt Romane, Erzählungen, Fabeln und Essays; daneben gibt es zahlreiche politische Schriften und Aufsätze. Der Erzähler Ramírez ist von dem politisch engagierten Menschen nicht zu trennen. Einer der von ihm formulierten Aussprüche ist, daß die Literatur sich der Realität – von ihm verstanden als kollektive Erfahrung innerhalb eines spezifischen kulturellen, politischen und historischen Umfeldes – bedienen, sie abbilden und interpretieren müsse. So erfahren wir in seinem Werk vornehmlich etwas über die lateinamerikanische Wirklichkeit.

 

Kurzvita

  • geboren am 5. August 1942 in Masatepe, Nicaragua
  • 1959-1964  Jura-Studium an der Universität León
  • 1969  Generalsekretär der Mittelamerikanischen Rektorenkonferenz
  • 1973-1975  Stipendiat des Künstlerprogramms des DAAD in Berlin
  • Initiator der ›Gruppe der Zwölf‹ – Zusammenschluß von Intellektuellen und Künstlern (unter anderem Fernando und Ernesto Cardenal)
  • 1984-1990  Vizepräsident seines Landes, danach vier Jahre Sprecher der sandinistischen Opposition im Parlament
  • 1995  Gründung der Partei »Bewegung für die sandinistische Erneuerung«
 

Publikationen

Romane:
  • Tiempo de Fulgor. 1970,
    deutsch: Chronik des Spitals San Juan de Dios, aufgezeichnet von der Schwester Maria Teresa.

  • ¿Te dió miedo la sangre? 1976,
    deutsch: Die Spur des Caballeros.

  • Castigo Divino. 1988.

  • Un Baile de Máscaras. 1995,
    deutsch: Maskentanz.
    Wuppertal (Peter Hammer) 1998.

  • Cuentos Completos. 1997.

  • Margarita, está linda la mar. 1998,
    deutsch: Margarita, das Meer ist schön.

  • Adiós Muchachos. Una memoria de la revolución sandinista. 1999.


Erzählungen:
  • Cuentos. Erzählungen. 1963.

  • De tropeles y tropelías. Erzählungen. 1972,
    deutsch: Vom Vergnügen des Präsidenten.

  • Charles Atlas también muere. Erzählungen. 1976.

Essays:
  • »Hombre del Caribe«. 1977.

  • »El pensamiento vivo de Sandino«. 2 Bände. 1981.

  • »El alba de oro. La historia viva de Nacaragua«. 1983.

  • »Balcanes y Volcanes«. 1983.

  • »Estás en Nicaragua«. 1985.

  • »La marca del Zorro«. 1989.

  • »Confesión de Amor«. 1991.

  • »Oficios compartidos«. 1994.

  • »Biografía de Mariano Fiallos«. 1997.

Auf Englisch erschienen:
  • To Bury Our Fathers. 1985.

  • Stories. 1986.

  • Hatful of Tigers: Reflections on Art, Culture and Politics. 1995.

Sonstiges:
  • ¡Viva Sandino! 1976,
    deutsch: Viva Sandino. 1976.

  • Sandino siempre. 1980,
    deutsch: Mit den Waffen der Zukunft. 1984.

  • Seguimos de frente. 1985.

  • El muchacho de Niquinohomo. 1988.

  • Clave del sol. 1992.

  • Tropischer Walzer.
    Frankfurt am Main (dipa) 1994.

Informationen im World Wide Web


Medienecho

 

Bericht

Nach Vladimir Sorokin (Rußland), V. Y. Mudimbe (Congo), Kenzaburo Oe (Japan) und Scott Bradfield (USA) lehrte der nicaraguanische Schriftsteller Sergio Ramírez als fünfter Samuel Fischer-Gastprofessor für Literatur im Sommersemester 2001 am Institut für AVL an der Freien Universität Berlin. Der erst kürzlich mit dem Premio Alfaguara ausgezeichnete Autor, frühere sandinistische Politiker und ehemalige Vizepräsident seines Landes bot ein Seminar an, das der jüngeren Entwicklung und den aktuellen Tendenzen der hispanoamerikanischen Romanliteratur gewidmet war.

Der Kurs La novela latinoamericana en el cambio de siglo (in spanischer Sprache) thematisierte im Sinne einer historischen Einführung zunächst die ›Vorläufer‹ des modernen lateinamerikanischen Romans, die das Konzept des ›Wunderbar Wirklichen‹ (›lo real-maravilloso‹) beziehungsweise des ›Magischen Realismus‹ (›realismo mágico‹) entwickelt hatten: in der Naturepik von Rómulo Gallegos (Doña Bárbara) und José Eustasio Rivera (La Vorágine) sowie in den karibischen Geschichtsbildern eines Alejo Carpentier (El siglo de las luces) und den ländlichen Welten eines Juan Rulfo (Pedro Páramo).

Es folgten die ›Klassiker‹ des sogenannten ›Boom‹, die der lateinamerikanischen Literatur in den Sechziger und Siebziger Jahren internationale Geltung verschafften: Gabriel García Márquez (Cien años de soledad), Carlos Fuentes (La muerte de Artemio Cruz) und Mario Vargas Llosa (La casa verde) sowie – auf dem Weg in die Postmoderne – Julio Cortázar (Rayuela).

Als dritte Generation seiner historischen Einführung stellte Sergio Ramírez die Autoren des ›Post-Boom‹ vor, die durch diverse formale Innovationen und einen experimentellen, spielerischen Umgang etwa mit Pop-Art-Elementen eine literarische ›Universalisierung‹ der hispanoamerikanischen Literatur herbeiführten – beispielsweise Manuel Puig (Boquitas pintadas), Alfredo Bryce Echenique (Un mundo para Julius) und Oswaldo Soriano (No habrá más penas ni olvido).

Im Mittelpunkt des Seminars stand die zeitgenössische Literatur der aktuellen ›Jahrhundertwende‹. Herr Ramírez ist ein profunder und in geradezu idealer Weise intimer Kenner der gegenwärtigen Tendenzen iberoamerikanischer Literatur: Nicht nur als Autor, als Publizist, als aktiver Teilnehmer des intellektuellen Lebens und als passionierter Leser, sondern neuerdings auch als Juror des renommierten Rómulo-Gallegos-Preises hatte er sich mit Hunderten von Neuerscheinungen junger Autoren vertraut gemacht. Herr Ramírez gab seinen Berliner Studenten einen Überblick über die Vielfalt der spanischsprachigen amerikanischen Literaturen der Gegenwart – in ihrer Bandbreite von Themen kultureller Identität bis hin zu postmodernen Diskursen.

Diskutiert wurden verschiedene Tendenzen der Gegenwartsliteratur:

  1. Eine Literatur mit politischen Inhalten: Morir en Berlín von Carlos Cerda (Chile, 1993), Santa Evita von Tomás Eloy Martínez (Argentinien, 1996), La vida que se va von Vicente Leñero (1999) – und in diesem Zusammenhang auch die neueren Werke der ›Meister‹, etwa Los años con Laura Díaz von Carlos Fuentes oder La fiesta del chivo von Mario Vargas Llosa.
  2. Des weiteren Werke mit historischen, privaten oder identitätspolitischen Motiven: La tierra del fuego von Sylvia Iparraguirre (1998), El resplandor de la madera von Héctor Aguilar Camín (1999), Caracol Beach von Eliseo Alberto (Cuba, 1998), Mal de amores von Ángeles Mastretta (1997).
  3. Und schließlich auch avancierte formale Experimente, die in postmoderner Manier Lateinamerika als Szenerie hinter sich lassen: En busca de Klingsor von Jorge Volpi (Mexiko, 2000), Tinta roja von Alberto Fuguet (1998) und Como un mensajero tuyo von Mayra Montero (1998).

Als DAAD-Stipendiat hatte sich Sergio Ramírez bereits Anfang der Siebziger Jahre in Berlin aufgehalten, bevor er nach Nicaragua zurückkehrte, um sich am Umsturz der Diktatur Somoza zu beteiligen. Nach dem Sieg der sandinistischen Revolution war Herr Ramírez Mitglied der fünfköpfigen Regierungs-Junta und als Vizepräsident in der Funktion eines Premierministers engster Weggefährte von Präsident Daniel Ortega. Später kam es zum Bruch zwischen beiden Persönlichkeiten, zur Wahlniederlage der Sandinisten und zum allmählichen Rückzug Ramírez’ aus der Politik.

Als ehemaliger Berlin-Exilant reflektiert Sergio Ramírez die Erfahrung der Migration und der kulturellen Differenz sowie die Unterschiede des urbanen Lebens zwischen Managua, San José und Caracas, Paris, New York und Berlin. Als Politiker, Zeitzeuge und ›historische Persönlichkeit‹ konnte Herr Ramírez seinen Zuhörern vom Kampf gegen die Diktatur, vom Bürgerkrieg, vom Sieg und vom Scheitern der Revolution und von den Zusammenhängen zwischen Literatur und Politik berichten.

Als Samuel Fischer-Gastprofessor war Sergio Ramírez Mitglied des Lehrkörpers des Instituts für AVL. Er stand für die Zusammenarbeit mit den Studierenden und für die Betreuung von Hausarbeiten (in spanischer oder englischer Sprache) zur Verfügung. (Bei entsprechenden Leistungen konnten sowohl Pro- als auch Hauptseminarscheine erworben werden.)

Das Seminar und die Arbeit an der Universität als Mittelpunkt der Samuel Fischer-Gastprofessur für Literatur von Sergio Ramírez wurden ergänzt durch eine Reihe weiterer Veranstaltungen und Aktivitäten:

  • Am 26. April fand die traditionelle Begrüßungs-Veranstaltung am Institut für AVL statt: als literarische Lesung (aus dem Roman Baile de máscaras, dt. Maskentanz), als Dialog mit Prof. Dr. Carlos Rincón vom Lateinamerika-Institut der Freien Universität Berlin und als Diskussion mit dem Publikum.

  • Gleich zu Beginn seines Berlin-Aufenthaltes wurde Herr Ramírez für den taz-Kongreß »Wie wollen wir leben?« angefragt. Im Rahmen dieser international besetzten Veranstaltung im Haus am Köllnischen Park nahm Herr Ramírez zunächst am 28. April an einer Podiumsdiskussion teil. Er diskutierte mit Vandana Shiva (Research Foundation for Science, Technology and Ecology, Indien), Claudia Roth (Die Grünen), Philipp Hersel (Attac) und Matthias Greffrath (Journalist) unter der Moderation von Daniela Weingärtner (taz-EU-Korrespondentin, Brüssel) die Frage »Mit wem wollen wir teilen? Globalisierung und Strategien der Solidarität«. Telephonisch aus Dakar zugeschaltet war Madjiguène Cissí (Sprecherin der »Sans Papiers«, Senegal), die aufgrund eines Ausweisungsbescheides nicht einreisen durfte. Am 29. April gab es eine Lesung von Sergio Ramírez zum Abschlußtag des dreitägigen Kongresses: Herr Ramíez las seine bislang auf Deutsch unveröffentlichte Kurzgeschichte Perdón y Olvido (Vergeben und vergessen), die deutsche Fassung las ihr Übersetzer Lutz Kliche.

  • Am 15. Mai folgte eine große Publikums-Veranstaltung im Haus der Kulturen der Welt. Sergio Ramírez las Passagen aus seinem jüngst in deutscher Übersetzung erschienenen Erinnerungs-Band Adiós Muchachos, in dem er die Geschichte der von ihm mitgestalteten sandinistischen Revolution und Regierung beschreibt. Im Mittelpunkt stand ein Auszug, der vom Besuch des Papstes in Nicaragua handelt, einem der Wendepunkte in der schwierigen Geschichte des sandinistischen Nicaragua. Anschließend diskutierte Herr Ramírez mit dem Moderator Helmut Böttiger (»Der Tagesspiegel«) und beantwortete Fragen aus dem Publikum.

  • Am 28. Juni schließlich endete das Veranstaltungs-Programm mit Sergio Ramírez mit einem Abend im Iberoamerikanischen Institut (Simón-Bolívar-Saal) im Rahmen des Berliner »Sommerfestes der Literaturen« (Programmpunkt »Literatur allerorten«) als Lesung aus dem Roman Margarita, está linda la mar.

Das Interesse der Medien am Berlin-Aufenthalt von Sergio Ramírez war groß. Neben zahlreichen Meldungen und Berichten führten diverse Zeitungen und Radiosender Interviews mit Herrn Ramírez bzw. brachten ausführlichere Artikel: z.B. »Der Tagesspiegel«, »Berliner Zeitung«, »die tageszeitung« (Bild auf der Titelseite), »Frankfurter Rundschau«, »WDR«, »Deutschlandfunk« u.a..

Am 14. Mai stand Herr Ramírez in einer vom Goethe-Institut organisierten Veranstaltung im Bundespresseamt einer Gruppe lateinamerikanischer Journalisten im Rahmen eines Workshops zum Gespräch zur Verfügung.

Oliver Lubrich
Berlin, 15. August 2001