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Der Unerschrockene

Portrait Bernhard Kytzler

Portrait Bernhard Kytzler

News vom 11.10.2022

Es war wohl im Jahre 1993, zum Auftakt meines eigenen Latein-Studiums, als ich das erste Mal die Tusculum-Ausgabe von Ciceros Brutus in den Händen hielt. Länger als an den gut 275 dort versammelten Rednern blieb mein Blick am Namen des Herausgebers und Übersetzers hängen: Bernhard Kytzler. Es sollte einer der Namen bleiben, die mir am häufigsten begegnen würden. Nicht etwa, weil ich mich für zweisprachige Ausgaben mehr als für kritische Editionen begeistert hätte: Doch hat die große Sensibilität und Unerschrockenheit, mit der Kytzler Klassiker und Raritäten der lateinischen Literatur ins Deutsche übertrug, kommentierte, vermittelte, einen tiefen Eindruck hinterlassen. Es gibt wenige nur, die über derart feines philologisches Gespür und eine solche Breite des literatur- und kulturgeschichtlichen Wissens verfügen, beides Voraussetzungen, die für das schwierige Geschäft des Übersetzens unabdingbar sind.

Bernhard Kytzler indes war ein umtriebiger Gelehrter, der zu vielen Themen der antiken wie neulateinischen Literatur und ihrem Nachwirken etwas Kluges beizutragen wusste. Am 16.8.1929 in Hindenburg (heute polnisch) geboren, absolvierte er sein Studium der Klassischen Philologie und Musikologie an der Freien Universität Berlin, an welcher er auch mit einer Arbeit zu Statius‘ Thebais promoviert und schließlich habilitiert wurde. Von 1970-92 begeisterte er als Professor die Studenten an der Freien Universität Berlin, flankiert von Gastprofessuren in Deutschland, den USA und China. Seine Pensionierung hat ihn nicht etwa aufs Ruhelager getrieben, sondern wieder in die weite Welt hinaus: Seit 1992 lehrte und forschte er in Durban/Südafrika, zunächst als Professor, ab 1997 dann als Senior Research Associate.

Bernhard Kytzler hat „seine“ Philologie als eine lebendige Wissenschaft betrieben, und zwar ganz konkret: Er war ein Philologe, der dem Leben zugewandt war und dies auch in seiner Forschung zum Ausdruck brachte – nicht nur wegen der viel gelobten Übersetzungen; er hat etwa auch Literatur-Auswahlen und Autorenlexika besorgt, nützliche und publikumswirksame Aufgaben, vor denen andere zurückschrecken; er hat „unser täglich(es) Latein und Griechisch“ untersucht, er hat die Rolle der Frauen in der Antike und viele andere lebens- und alltagsnahe Themen erforscht. Dafür sind ihm viele Menschen auch außerhalb des engeren Fachpublikums zutiefst dankbar.

Kurz bevor das allzu bekannte Virus dafür gesorgt hat, dass die Menschen sich in ihre Elfenbeintürme zurückzogen, im Oktober 2019, haben wir im Institut für Griechische und Lateinische Philologie an der Freien Universität Berlin noch Bernhard Kytzlers 90. Geburtstag gefeiert, mit vielen Weggefährten. Es war ein schönes Fest voller Erinnerungen, die bis jetzt nachwirken. In der Nacht vom 5. auf den 6. Oktober 2022 ist Bernhard Kytzler verstorben, nicht lange nach seinem 93. Geburtstag. Wir werden ihn sehr vermissen.

Melanie Möller

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