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Luca Lil Wirth

Luca Lil Wirth
Bildquelle: Bernd Wannenmacher

Das Obszöne in der Literatur der Frühen Neuzeit

Adresse
Habelschwerdter Allee 45
Raum JK 33/139
14195 Berlin

Luca Lil Wirth studierte Deutsche Philologie, Kunstgeschichte und Philosophie (B.A.) sowie Deutschsprachige Literatur mit dem Schwerpunkt Neuere Deutsche Literatur (M.A.) an der Freien Universität Berlin. Sie arbeitete als Mentorin für Erstsemester-Studierende, als Tutorin im Bereich Ältere Deutsche Literatur und war außerdem in verschiedenen hochschulpolitischen Gremien aktiv. Ab Januar 2017 wurde sie bis zum Abschluss ihres Masterstudiums von der Friedrich-Ebert-Stiftung gefördert. Von 2017 bis 2021 war sie zudem studentische Hilfskraft am Institut für Deutsche und Niederländische Philosophie bei Prof. Jutta Müller Tamm sowie von 2018 bis 2019 bei Prof. Friederike Günther.

Ihre Masterarbeit beschäftigt sich mit dem Text-Bild-Verhältnis in frühneuzeitlichen Praktikparodien des 16. Jahrhunderts am Beispiel von Johann Fischart und Johann Christoph Artopoeus.

Seit Oktober 2021 ist Luca Lil Wirth sowohl Doktorandin der Friedrich Schlegel Graduierten Schule als auch wissenschaftliche Mitarbeiterin am EXC „Temporal Communities“, wo sie im Projekt „Arts of Memory“ der Research Area 1: „Competing Communities“ arbeitet.

Das Dissertationsprojekt beschäftigt sich mit obszöner Literatur und dem Obszönen in der Literatur der Frühen Neuzeit und untersucht literarische Figuren und Handlungen, die nicht der Norm entsprechen, die diese sogar brechen, die irritieren, grotesk, skurril, manchmal wunderbar sind oder sich am Rande des Wahnsinns bewegen. Im Fokus der Analyse stehen dabei Texte einer europäisch orientierten Germanistik. Tatsächlich bietet die Frühe Neuzeit ein breites Spektrum an obszönen Untersuchungsgegenständen im Gewand verschiedener Gattungen an: Von zahlreichen liederlichen Mären, komisch-derben Fastnachtspielen bis zu anstößigen Schwanksammlungen und obszöner oder galanter Lyrik ‒ das Obszöne zieht sich wie ein roter Faden durch unterschiedliche, meist (doch nicht ausschließlich) ‚niedere‘ literarische Gattungen der Frühen Neuzeit, die nur so gespickt von doppel- oder mehrdeutigen Anspielungen, Motiven, Figuren und Handlungen sind.

Fassen wir heute unter ‚Obszönität‘ meist sexuelle und skatologische Transgressionen, so muss der Begriff in der Frühen Neuzeit deutlich weiter gedacht werden, wie das Projekt zeigt. Natürlich fallen das Pornographisch-Erotische sowie das Exkrementelle ebenfalls unter den Dachbegriff des Obszönen: So können normative Figuren wie ein Pfarrer oder eine Nonne, indem sie lüstern, unsittlich und schamlos agieren, zu obszön handelnden Figuren werden. Doch neben den triebhaft Handelnden gibt es auch Figuren, die per se als obszöne Figuren gelten: Ein Narr, ein Wahnsinniger, ein Homosexueller, ein Hermaphrodit, ein Mensch mit Behinderung, ja sogar eine gebildete Frau ‒ sie alle zählen zu diesen ‚Anderen‘, die ebenfalls triebgesteuert handeln können, sich aber bereits durch ihre bloße Existenz von der fromm-bürgerlichen Norm unterscheiden. Auffällig ist dabei, dass den obszönen und den obszön handelnden Figuren das Körperliche, das Scham oder Ekel hervorruft, gleichermaßen eignet. Neben dem Sexuellen und Skatologischen lassen sich somit auch die Ebenen des Abstoßenden, Diversen, Hässlichen, Grotesken, Lächerlichen usf. unter dem Obszönen fassen.

Angeschlossen an das Projekt „Arts of Memory“ des Exzellenzclusters, werden ebenfalls Themen der Bildlichkeit, Text-Bild-Bezüge und unterschiedliche Medien im Fokus des Projekts stehen, denn als obszön gebrandmarkten Schriften wurden häufig gemeinsam mit mehr oder minder schlüpfrigen (Titel-)Holzschnitten veröffentlicht. Damit öffnet das Projekt zum einen die (künstlich) gesetzte Schranke zwischen den verschiedenen Medien und lässt die interdisziplinäre Vernetzung von Literatur in den Fokus rücken; zum anderen eröffnet dieses Vorgehen die Möglichkeit, individuelle und kollektive Erinnerung, die stets von Medien geprägt und daher nicht neutral ist, unter einem bisher vernachlässigten Gesichtspunkt zu untersuchen: dem Obszönen.

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