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Positivismus

Die methodologische Erkenntnisgewinnung in Natur- und Gesellschaftswissenschaften hat sich im 19. Jahrhundert grundlegend verändert. Während man bis dahin Theologie und Metaphysik zu ihrer Erklärung verwandte, nutzte man nun beobachtbare Phänomene, die real existieren.
Grundlegend für die Begründung des Positivismus als Wissenschaft ist das Werk Auguste Comtes (Cours de philosophie positive, Paris 1989 [1830-44]) anzusehen. Darin fordert er, mit Hilfe der Ergebnisse von Beobachtung und Vernunft Gesetzmäßigkeiten festzulegen, die für die Natur –und Gesellschaftswissenschaften gleichermaßen gelten.
Daraus ableitend konnte sich ein literaturwissenschaftlicher Positivismus, der erstmals auch einen Ansatz einer germanistischen Literaturwissenschaft darstellte, entwickeln.
Die „Formulierung von allgemeinen Gesetzmäßigkeiten, die die Gegenstände und Sachverhalte in kausale Beziehungen zueinander setzen“ (Baasner, S. 48) fordert dann für die Untersuchung der Literatur, die Verfasser, die Texte und die Beziehung zwischen Autoren und Publikum zu betrachten, um Entstehung und Wirkung der literarischen Werke erklärbar zu machen.
Die „wohl maßgeblichsten Erscheinungsformen, in denen das positivistische Programm in der Literaturwissenschaft Gestalt gewonnen hat“ (Nünning, S. 516), sind der Biographismus und die Quellenforschung.
Insbesondere die Biographie des Autors kann detaillierte Informationen dafür liefern, welche Einflüsse auf die Dichtung gewirkt haben könnten. Mögliche Faktoren werden anhand der Formel vom Ererbten, Erlebten und Erlernten des bedeutendsten Repräsentanten des literaturwissenschaftlichen Positivismus in Deutschland, Wilhelm Scherer (1841-1886), prägnant zusammengefasst.
Auch die Rückbezüge auf frühere Texte eines Autors sollen als Quellen dienen und zum Erkenntnisgewinn über jene führen können.
Ein Beginn des literaturwissenschaftlichen Positivismus wird um das Jahr 1850 festgesetzt, seine Blütezeit lag zwischen den Jahren 1880 bis 1910.
Der Einfluss des Positivismus reicht sicherlich noch bis in die heutige Zeit, wobei die Auffassung der „Reduktion des poetischen Werks auf die kausalen Prozesse seiner Entstehung“ (Nünning, S. 517) insbesondere mit der Hermeneutik und Semiotik in Frage gestellt wurde und wird.

Literatur:
NÜNNING, Ansgar (Hg.): Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie. Stuttgart, Weimar 2001.
BAASNER, Rainer (Hg.): Methoden und Modelle der Literaturwissenschaft. Eine Einführung. 2.Aufl. Berlin 2001.

(C.K.)