Springe direkt zu Inhalt

CfP: Das Mittelalter (Heft 1/2023) Die Sieben weisen Meister als globale Erzähltradition

News vom 23.09.2021

Call for Papers für Das Mittelalter (Heft 1/2023)

(Open Access bei Heidelberg University Publishing)

 

Die Sieben weisen Meister als globale Erzähltradition

 

Herausgeberinnen:

Prof. Bettina Bildhauer (Germanistik, St Andrews),
Prof. Jutta Eming (Germanistik, Freie Universität Berlin),
Dr. Nora Schmidt (Arabistik/Theologie, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg)

 

[English version see below]

 

Die Sieben weisen Meister sind eine der am weitesten verbreiteten Erzählsammlungen der Vormoderne, aber heute selbst unter Mediävist*innen und Frühneuzeithistoriker*innen nahezu unbekannt. Nach ersten griechischen (Syntipas), arabischen (Sieben Wesire), hebräischen (Mishle Sendebar), lateinischen (Dolopathos, Historia septem sapientum), persischen (Sindbād-nameh) und syrischen (Sindbād)-Versionen sind sie in verschiedenen Versionen vom 12. bis weit ins 17. Jahrhundert auf Armenisch, Dänisch, Deutsch, Englisch, Französisch, Isländisch, Jiddisch, Niederländisch, Polnisch, Schottisch, Schwedisch, Spanisch, Tschechisch, Türkisch, Ungarisch und Russisch überliefert. Allein im Deutschen sind mindestens 44 Manuskripte und 67 Druckauflagen erhalten. Auf diesen immensen – und diversen – Umfang der Überlieferung ist wohl zurückzuführen, dass die Sieben weisen Meister bis heute weder literatur- noch geschichtswissenschaftlich hinreichend aufgearbeitet worden sind. Ein weiterer Grund dürfte aus dem Umstand resultieren, dass viele Versionen eine weibliche Erzählerin prominent platzieren, welche intrigant, verleumderisch und lügenhaft agiert und einen falschen Vergewaltigungsvorwurf erhebt. Wie in den Erzählungen aus 1001 Nacht geht es in den Sieben weisen Meistern darum, dass die Protagonistin mit ihrer Sprachmacht und Erzählkunst darum kämpft, ihr Leben zu erhalten. Doch dies misslingt, nachdem sie mit verschiedenen Gegenerzählungen von männlichen Figuren zum Schweigen gebracht worden ist. Diese scheinbar eindeutig diskreditierende Darstellung der Protagonistin hat der Erzähltradition das Etikett des ‚Misogynen‘ eingetragen.

 

Das geplante Themenheft soll einen ersten Schritt in Richtung einer interdisziplinären Neubewertung der Erzähltradition im Sinne der Global Medieval Studies bilden. Denn gerade aufgrund der interkulturellen und interreligiösen Verknüpfung lassen sich die Erzähltraditionen der Sieben Weisen Meister nach Auffassung der Herausgeberinnen nicht adäquat im Rahmen der heutigen nationalsprachlich organisierten Forschungsdisziplinen untersuchen. Erwünscht sind daher unter anderem Beiträge, welche einen Einblick in Probleme der internationalen Erfassung und Systematisierung der Überlieferung geben, inklusive neuerer oder geplanter Editionsvorhaben. Außerdem soll danach gefragt werden, welche Rolle die jeweilige Herkunft, Religionszugehörigkeit und der Migrationshintergrund der Figuren auf der Handlungsebene spielen, und wie diese potentiell mit der Migration des Stoffes zusammenhängen.

 

Auch die philologische und geschichtswissenschaftliche Untersuchung der Verbreitung des Erzählstoffes in der Vormoderne ist erwünscht: Mit der weiblichen Protagonistin, die sich rhetorisch gegen die Anklage eines Gremiums weiser Männer durchzusetzen versucht, zeigt die Rahmenerzählung der Sieben weisen Meister eine Nähe zu religiösen Erzählstoffen, wie dem um die biblische Frau des Potifar, deren Auseinandersetzung mit dem ‚weisen‘ Josef in den Religions- und Erzählkulturen der Spätantike und besonders im islamischen Mittelalter in zahlreichen Varianten um Yusuf und Zulaikha fortgeschrieben wurde, oder der mittelalterlichen Katharinenlegende. Über die Vermittlungswege insbesondere einzelner Erzählungen (etwa in das Decamerone, die Gesta Romanorum, in das deutsche Lalebuch, die Barlaam und Josaphat-Gruppe oder Kalīla wa Dimna) ist zwar schon vieles bekannt, doch ist die historische Einbettung in verschiedene soziale, kulturelle und intellektuelle Milieus weiterführend vergleichend zu erforschen.

 

Darüber hinaus ist ein Spektrum inhaltlicher Probleme zu erörtern. Einen Schwerpunkt sollten dabei intersektionale Studien zur Verknüpfung von Gender, Status, Sexualität, Ethnizität und Religionszugehörigkeit bilden, die dazu beitragen können, das eingeführte Etikett des ‚Misogynen‘ zu problematisieren und zu verstehen, wie sich die interkulturelle Verbreitung des Erzählstoffes auch in dessen Inhalt niederschlägt. Auch die Exempel der Binnenhandlung lassen sich mit Blick auf Aspekte von Gender auswerten – die weibliche Hauptfigur erzählt, wie schon mehrfach konstatiert wurde, anders und von anderen Dingen als die ‚Weisen‘; beide Parteien stellen – über die Exempelform – jedoch auch immer wieder indirekt Bezüge zur konflikthaften Ausgangskonstellation her und nehmen zu ihr Stellung. Dazu sind eingehende Untersuchungen auf breiter Basis erforderlich. In den verschiedenen Strängen der Überlieferung verschiebt sich das Verhältnis von Rahmen- und Binnenerzählungen teilweise stark, was die Poetik der Gesamtdichtung tangiert und je neu konfiguriert. Hier könnten narratologische, poetologische und rhetorische Fallstudien – ob einzeln oder vergleichend – helfen, in die transkulturelle ‚Beweglichkeit‘ der Sieben weisen Meister einen Einblick zu gewinnen.

 

Das geplante Heft möchte einen methodologischen und inhaltlichen Beitrag zu den sich vor allem im englischsprachigen Bereich etablierenden interdisziplinären Global Medieval Studies leisten, die den Eurozentrismus der Mediävistik hinterfragen. Die Herausgeberinnen (Arabistik/Germanistik) avisieren dafür eine breite internationale und interdisziplinäre Ausrichtung des Heftes und laden Kolleg*innen zum Beispiel aus der Byzantinistik, Germanistik, Geschichtswissenschaft, Iranistik, Niederlandistik, Romanistik, Theologie und den Islamwissenschaften zur Mitwirkung ein.

 

Vorschläge zu folgenden Themenschwerpunkten sind erwünscht: 

  • Gender und Misogynie
  • Transkulturelle Migration des Textes und im Text
  • Race, Religion und Ethnizität
  • Erzählstruktur und Rahmung
  • Wechselbeziehungen zwischen den Sieben weisen Meistern und anderen Texten

 

Weitere Themen und Schwerpunkte sind willkommen, insbesondere zu weiteren Forschungsdesideraten und theoretischen und methodischen Ansätzen, diesen in vergleichenden Analysen zu begegnen. 

 

Wir erbitten die Übersendung einseitiger Abstracts auf Deutsch oder Englisch (an alle drei Herausgeberinnen an die folgenden Adressen: j.eming@fu-berlin.de; bmeb@st-andrews.ac.uk; Nora.Schmidt@ts.uni-heidelberg.de) bis zum 15.11.2021.

 

 

Weiterer Ablauf

Dez. 2021: Auswahl der Beiträge und Zusage an die Autor*innen

Ende Jan. 2022: Autor*innen: Erste inhaltliche Abstimmung in einer informellen Online-Konferenz

Anfang Juli 2022: Autor*innen: Einsendung der ausformulierten und formatierten

Beiträge an Schriftleitung und Heftherausgeber*innen

Schriftleitung: Weitergabe der Aufsätze an Gutachter*innen

Mitte Aug. 2022: Schriftleitung: Weitergabe der Gutachten an Hefthgg. und Autor*innen

Sept./Okt. 2022: Hefthgg., Autor*innen: Heft-Workshop (1-2 Tage) im Stil einer

Autor*innenkonferenz (Diskussion der Beiträge)

30. November 2022: Autor*innen: Abgabe der überarbeiteten Beiträge (auf der Grundlage

der Gutachten und der Workshopdiskussion)

Juni 2023: Erscheinungstermin Open Access

  

Auswahlbibliographie: siehe unten

 

Call for Papers for Das Mittelalter journal (1.2023)

(Open Access with Heidelberg University Publishing)

 

The Seven Sages of Rome as a global narrative tradition

 

Editors:

Prof. Bettina Bildhauer (German Studies, St Andrews, UK),
Prof. Jutta Eming (German Studies, Freie Universität Berlin, Germany),
Dr Nora Schmidt (Arabic Studies/Theology, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, Germany)

 

The Seven Sages of Rome are one of the most widely distributed premodern collections of narratives, but barely known today even among medievalists and early modernists. Early versions exist in Greek (Syntipas), Arabic (Seven Viziers), Hebrew (Mishle Sendebar), Latin (Dolopathos, Historia septem sapientum), Persian (Sindbād-nameh) and Syrian (Sindbād), and 12th- to 17th-century translations into Armenian, Czech, Danish, Dutch, German, English, French, Hungarian, Icelandic, Polish, Russian, Scottish, Swedish, Spanish, Turkish and Yiddish. In German alone, 44 manuscripts and 67 print editions survive. It might be due to this huge and diverse transmission that The Seven Sages of Rome have been little researched from a literary or a historical perspective. A further reason for the text’s relative scholarly neglect might be that many versions feature a prominent female narrator who cheats, slanders, lies and makes a false accusation of rape. As in The Arabian Nights, this female narrator fights for her life with the power of her language and storytelling, but is eventually silenced following male sages’ counter-narratives. This seemingly unambiguously negative portrayal of the female protagonist has led to the collection of narratives being seen as misogynist.

 

The proposed special issue is a first step towards an interdisciplinary reappraisal of the collection as part of Global Medieval Studies. The multilingual traditions of The Seven Sages of Rome, with their many intercultural and interreligious links, cannot be adequately understood within the current research disciplines divided by modern national languages.  We are looking for contributions which provide insights into the problems of surveying and analysing the multilingual transmission, including into new or planned editions. In addition, contributors are invited to investigate the migrations reported in the plot of characters from different religious, ethnic and geographical backgrounds, and how they might interconnect with the migration of the story matter.

 

We are also looking for a philological and historical analysis of the premodern and early modern transmission of the Seven Sages material. The motif of a female protagonist who tries to defend herself against the accusations of a group of sage men is, for example, close to St Catherine in medieval legends, or to the biblical figure of Potiphar’s wife, whose disputation with the sage Joseph are transmitted since late antiquity and especially in medieval Islam as Yusuf and Zulaikha. Some existing research on the transmission of particular embedded narratives into other narratives, such as the Decamerone, the Gesta Romanorum, the German Lalebuch, the Barlaam and Josaphat narratives or Kalīla wa Dimna), needs to be complemented by further study of the different historical, social, cultural and intellectual context of the versions.

 

Several topics within the narrative also need further attention. We envisage as a focal point intersectional studies of the relationship between gender, social status, sexuality, ethnicity and religion, which can question if the text can be labelled misogynistic, and can help to understand if and how the intercultural transmission of the narrative matter affects its content. The embedded narratives told by the female protagonist and the male sages in the plot can be analysed from a gendered perspective: both sides narrate in different ways and about different topics, but nevertheless refer back to and pass judgement on the initial conflict. The relationship between frame narrative and embedded narratives varies greatly between different strands of transmission, which affects and changes the overall poetics. Narratological, poetological or rhetorical case studies of single or comparable traditions could provide insights into the transcultural changeability of The Seven Sages of Rome.

 

The proposed special issue is intended to contribute to Global Medieval Studies, an area becoming established especially in Anglophone academia as a challenge to the Eurocentricity of medieval studies. The editors (specialists in Arabic and German Studies) are envisaging a broad international and interdisciplinary approach to The Seven Sages and are inviting colleagues from all disciplines, such as Byzantine, Dutch, German, Islam, Persian, Romance Studies, Theology and History.

 

We are hoping for proposals on The Seven Sages of Rome including the following topics:

  • gender and misogyny
  • transcultural migration of the text and in the text
  • race, religion and ethnicity
  • narrative structure and framing
  • mutual links between The Seven Sages of Rome and other texts

 

Other topics and focal points are welcome, especially concerning other gaps in research, theoretical and methodological approaches, and comparative analyses. 

 

Please send one-page abstracts in German or English by 15 November 2021 to all three editors at the following addresses: j.eming@fu-berlin.de; bmeb@st-andrews.ac.uk; Nora.Schmidt@ts.uni-heidelberg.de.

 

Further schedule 

Dec 2021: Authors are informed of the selection of articles

Jan 2022: Authors meet for an initial informal workshop online to discuss their contributions

Early Jul 2022: Authors send in their full, formatted drafts to the journal editors and special issue editors; journal editors pass the drafts on to peer reviewers

Mid-Aug 2022: Journal editors pass reviews to special issue editors and authors

Sept/Oct 2022: Authors and special issue editors discuss contributions at 1-to-2-day workshop

Nov 2022: Authors submit articles revised on the basis of the reviews and workshop discussion

Jun 2023: Special Issue is published open access



Auswahlbibliographie/Selected bibliography

Cupane, Carolina and Bettina Krönung (eds), Fictional Storytelling in the Medieval Eastern Mediterranean and Beyond (2016)

Foehr-Janssens, Yasmina, Le temps des fables: Le Roman des Sept Sages, ou l’autre voie du roman, Nouvelle Bibliotheque du Moyen Âge, 27 (1994)

Johnson, Joseph, ‘Domestication and its Discontents: Animals between Objects and Ethical Subjects in the Old French Roman de Dolopathos’, The Mediaeval Journal 5: 1 (2015)

Lundt, Bea, Weiser und Weib: Weisheit und Geschlecht am Beispiel der Erzähltradition von den "Sieben weisen Meistern" (12. - 15. Jahrhundert) (2002)

Narrative Culture 7, No. 2, Fall 2020 Special Issue Seven Sages Tradition

Obermaier, Sabine, Die zyklische Rahmenerzählung orientalischer Provenienz als Medium der Reflexion didaktischen Erzählens im deutschsprachigen Spätmittelalter, Didaktisches Erzählen (2010)

Steel, Karl, ‘Ridiculous Mourning: Dead Pets and Lost Humans’, Studies in the Age of Chaucer 34 (2012)

Velázquez, Sonia, ‘Didacticism and the Ends of Storytelling: Benjamin's Medievalism and Forms of Knowledge in Sendebar’, Exemplaria 25 (2013)

1 / 1