Die Ubiquität des Verdachts. Verschwörungstheorien in Russland

Verschwörungstheorien sind so allgegenwärtig wie der sich verschwörende Feind in diesen Theorien. Insbesondere in Krisen- und Umbruchszeiten gewinnen sie an Attraktivität und Brisanz. Politische Morde und Dichtertode, Spione und Agenten, Geheimpapiere und Kryptogramme, Untergrundorganisationen und unsichtbare Netzwerke, gescheiterte Aufstände und verratene Revolutionen bilden den Stoff, aus dem sie gestrickt werden. Sie reduzieren die Komplexität und Intransparenz gesellschaftlicher Entwicklungen und bieten angeblich verbotene und unterdrückte Antworten an. Nicht immer lässt sich die Grenze von Verschwörungstheorie und rationaler Analyse leicht bestimmen. Verschwörungstheorien sind oft defizitäre Formen des Erklärens und Beurteilens von historischen, gesellschaftlichen und politischen Prozessen. Sie reagieren auf weit verbreitete Angstvorstellungen und organisieren ‚kollektive Paranoia’. Kam ihnen eine besondere Bedeutung zu in der Politik diktatorischer Staaten (etwa den „Protokollen der Weisen von Zion“ im Nationalsozialismus), so sind sie doch allgemein integraler Bestandteil moderner (auch demokratischer) Massenöffentlichkeit, wie sich unlängst nach den Anschlägen auf die Twin Towers zeigte.

Das Seminar widmet sich solchen ‚Poetiken’ der Verschwörungstheorie und analysiert deren Narrative und Funktionen vor allem anhand von Material aus der russischen Kultur. Es eröffnet aber auch vergleichende Perspektiven zur nordamerikanischen Kultur (Kalter Krieg, 9/11) . Neben philosophischen, publizistischen und politischen Texten werden insbesondere literarische Konstruktionen und Dekonstruktionen von Verschwörungstheorien behandelt.

 

Vorbereitende Lektüre:

Caumanns, Ute; Niendorf, Mathias: Verschwörungstheorie. Anthropologische Konstanten – historische Varianten. Osnabrück 2001.

Horn, Eva: Rabinbach, Anson (Hg.): „Dark Powers: Conspiracies in History and Fiction.” New German Critique 103 (2008)