Konzepte der Grazie von Castiglione bis Kleist

Als sozialästhetische Norm eines freien, ungezwungenen, freundschaftlich motivierten Umgangs gehört Grazie zur Tugend des Hofkünstlers in der Frühen Neuzeit. Sie gilt vor allem als ‚Spur’ des Körpers, mithin als Ausdruck der Verfassung der bewegten Seele. Schon bei den italienischen Humanisten ist „grazia“ mit dem Theorem des unsichtbaren Pneuma verbunden, das sich in den Bewegungen, in der sinnlichen Körperlichkeit einer Figur, ästhetisch mitteilt. Grazie wird gleichsam zum Inbegriff natürlicher Kunst, denn der begehrte Reiz der Mannigfaltigkeit scheint jedes Bemühen um eine Festlegung von Schönheit durch einen Proportionskanon versagen zu lassen. Obwohl Grazie als Naturbegabung im Widerspruch zu Lehr- und Lernbarkeit steht, ist sie im 18. Jahrhundert Gegenstand rationalisierender Analyse (Hogarth). Zeittypisch wird sie begrifflich aufgespalten in ‚hohe’ und ‚niedere’ Grazie, (sinnlichen) Reiz und Anmut u.ä., dann aber auch mit dem Anspruch beladen, Gegensätze wie die von Sinnlichkeit und Vernunft, Freiheit und Gesetz, Natur und Technik etc. zu harmonisieren. In einer Welt zunehmend unverläßlicher Zeichen soll sie untrüglicher Ausdruck eines ‚ganzen’ Menschen sein. Als „Schönheit in Bewegung“ (Lessing) ist sie unmittelbar mit der Reflexion des Tanzes verbunden, dem im Zuge der Temporalisierung visueller ästhetischer Erfahrung eine besondere Stellung zukommt. Grazie ist Herausforderung und Grenzphänomen, an dem sich der anthropozentrische Klassizismus schließlich auch transgrediert.

Im Seminar werden Texte gelesen von: Castiglione, Benedetto Varchi, Cellini, Leone Ebreo, Shaftesbury, Hogarth, Winckelmann, Lessing, Mendelssohn, Schiller, Kleist u.a. Eine Literaturliste wird vor Semesterbeginn bereitgestellt (s. link vom Ankündigungstext).

Für RomanistInnen geeignet.