DFG-Forschungsprojekt „Idee, Praxis, Wirkung. Die Rolle der Dialektik bei Augustin und deren Rezeption bei John Wyclif“

DFG-Forschungsprojekt „Idee, Praxis, Wirkung. Die Rolle der Dialektik bei Augustin und deren Rezeption bei John Wyclif“

 

Projektleitung: Prof. Dr. Therese Fuhrer (Klassische Philologie) und Prof. Dr. Maarten J.F.M. Hoenen (Philosophie)

 Mitarbeiter: Tobias Uhle, Lisa Cordes (Teilprojekt 1, Klassische Philologie), Dr. Alexander Brungs, Dr. Frédéric Goubier (Teilprojekt 2, Philosophie)

 Laufzeit: 01.03.2007 bis 28.02.2010


Kurzbeschreibung: Ausgangspunkt des Projekts ist die Frage nach Begriff und Funktion der Dialektik in Spätantike und Spätmittelalter, im Besonderen der logischen Argumentationsweise in den Schriften Augustins von Hippo und ihrer Rezeption bei John Wyclif. Es handelt sich um ein Gemeinschaftsprojekt der beiden Freiburger Lehrstühle „Latinistik“ und „Philosophie der Antike und des Mittelalters“, an denen je ein Teilprojekt betreut wird.
Im ersten Teilprojekt sollen die von Augustin verwendeten dialektischen Theorien bestimmt und die Entwicklung der augustinischen Position durch die Analyse dialektischer Argumentationsstrategien in den Frühschriften sowie in späteren exegetischen und antihäretischen Schriften aufgezeigt werden. Im Zentrum steht die Frage, welche Rolle die Dialektik allgemein und im besonderen die logischen Schlussverfahren in Augustins Auseinandersetzung mit philosophischen und theologischen Problemen spielen. In einer Auswahl augustinischer Schriften werden zum einen durch eine genaue Textanalyse die Schlussverfahren – auch mit Hilfe der modernen formalen Logik – eruiert. Zum anderen wird untersucht, inwiefern Augustin mit der Wahl der Prämissen, die sich meist auf die Bibel zurückführen lassen, bzw. mit dem Ausschluss bestimmter Prämissen die Diskussion lenkt und zu – im Sinn der orthodoxen christlichen Lehre – ,wahren‘ Schlüssen führt. Daran schließt sich die Frage, inwiefern mit der Wahl bzw. der Eliminierung bestimmter Aussagen als Prämissen die Resultate einer theologischen Diskussion – und in bestimmten Fällen letztlich Dogmen der abendländischen Theologie – festgelegt werden.
Im zweiten Teilprojekt wird Wyclifs Konzeption der logica Augustini studiert, wie dieser sie auf der Grundlage der augustinischen Schriften entwickelt. Wyclif gehört zu den wenigen Denkern, die die logischen Argumentationen von Augustin in seiner Gesamtheit aufgegriffen und in den Mittelpunkt seiner Bibelexegese gestellt haben. Wyclifs Schriften trugen wesentlich zum Wachstum des Oxforder Realismus bei, der den Ockhams Einfluss an den Rand drängte, und seine Polemik gegen die Nominalisten spielte eine entscheidende Rolle beim Entstehen des ‚Wegestreits‘. Diese Kontroverse prägte über mehrere Generationen hinweg die inhaltliche Ausrichtung der Philosophie und ihre Beziehung zur Theologie. Bisher unberücksichtigt blieb der Umstand, dass die Themenbereiche, die dabei im Zentrum standen, genau jenen Aspekten entsprachen, welche Wyclif als die tragenden Elemente seiner logica Augustini verstand. So sah er sich in seiner Entscheidung für den Realismus als auch in seiner These, dass Philosophie und Theologie eine Einheit bildeten, durch Augustin bestärkt. Untersucht wird deshalb nicht nur die logica Augustini bei Wyclif, sondern auch die Frage, in welcher Beziehung sie zum Wachstum des Oxforder Realismus stand und welche Bedeutung ihr für die Entstehung des ‚Wegestreits‘ zukam. Auf diese Weise lässt sich ein neues Bild Augustins zeichnen, das seine Bedeutung nicht nur für den Anfang, sondern auch für das Ende des scholastischen Denkens deutlich macht.