Special session auf der Speech prosody 2018

13.06.2018 - 16.06.2018

Im Juni 2018 geben wir eine Special session auf der Speech prosody 2018 in Polen. Dabei geht es um die computationale Klassifikation verschiedener Formen des Enjambements.

Ein Enjambement ist der Übergang eines Sinnes oder einer syntaktischen Einheit von einer Verszeile oder Strophe zur nächsten, also ein Zeilensprung. In einem Zeilensprung wird ein Kolon, ein Satz oder eine Phrase erst in der folgenden Verszeile vervollständigt, das Zeilenende endet also nicht mit einer Interpunktion wie dem Komma oder Punkt. In Hörgedichten kann diese Bedeutungsverzögerung eine Spannung erzeugen, wenn der lesende Dichter innehält, bevor er den Satz seines Gedichtes durch das Lesen der nächsten Zeile vervollständigt.
Es gibt drei verschiedene Effekte, wenn Dichter Gedichte auf der Grundlage von Enjambments lesen. Sie können a) den Zeilensprung ignorieren, indem sie das Gedicht flüssig lesen; b) den Zeilensprung betonen, was kaum bemerkbar ist, wenn es sich um ein sogenanntes "glattes Enjambement" handelt: Dann ist der Redefluss nicht wirklich unterbrochen, das Gedicht klingt noch einigermaßen natürlich. In diesem Fall entsteht die Lücke zwischen der singulären Kola des Gedichtes, z.B. der Nominal-Phrase und der Verbal-Phrase, die auch in der normalen Rede durch kleine Pausen markiert sind. Oder sie können c) die so genannten "harten Enjambments" betonen, die den Fluss des Gedichtes und seine Lektüre wirklich unterbrechen. Dies ist der Fall, wenn das Enjambment über Strophengrenzen verläuft, Artikel oder Adjektive von ihren Substantiven trennt oder ein Wort über eine Zeile hin spaltet. Unser Beitrag berichtet über erste Aktivitäten zur Entwicklung eines digitalen Werkzeugs zur Analyse der Akzentuierung poetischer Enjambements in Hörgedichten.
Wir untersuchen Gedichte von Lyrikline, das ist ein großes Online-Portal für Gedichte, die von den Originalautoren vorgelesen werden. Dies ermöglicht es uns, zwischen betonten und unbetonten Enjambements zu unterscheiden. Für die automatische Analyse und Erkennung dieser Gedichte werden verschiedene Werkzeuge eingesetzt: ein text-to-speech alignment, ein PoS-tagger, eine accent and phrase annotation, und ein Tool zur Analyse der speech rate. Im Vortrag werden wir auch ein bemerkenswertes Ergebnis unserer digitalen Korpusanalyse präsentieren, und zwar die kulturellen Unterschiede in der Betonung von Enjambements. Statistisch gesehen neigen Dichter aus der ehemaligen DDR dazu, das Enjambement zu betonen, Dichter aus der BRD dagegen nicht.

Zeit & Ort

13.06.2018 - 16.06.2018

Poznań, Poland