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Nora Weinelt

Versagen. Theorie, Geschichte und Poetik einer modernen Denkfigur

Adresse
Habelschwerdter Allee 45
Raum JK 33/103
14195 Berlin

Nora Weinelt studierte von 2006 bis 2012 Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, Kunstgeschichte und Italienische Philologie an der LMU München und der Université Paris IV. In ihrer Magisterarbeit beschäftigte sie sich mit Modetheorie und untersuchte den substantiellen Wandel der Männermode in den letzten beiden Jahrzehnten. Nach Abschluss ihres Studiums war sie am Institut für Romanische Philologie der LMU München tätig, bis sie ihr Promotionsstudium an der Friedrich Schlegel Graduiertenschule begann. 2015 war sie Visiting Graduate Student an der University of Chicago, den Fall Term 2018 verbrachte sie an der Princeton University.

„Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.“ Samuel Becketts ad nauseam zitierter und dabei häufig grotesk missverstandener Satz muss in der Ratgeberliteratur regelmäßig als Kronzeuge für die Idee eines wiederholbaren, nicht-existentiellen und im Gegenteil sogar als produktiv inszenierten Scheiterns herhalten. Wenn aber gesellschaftlicher oder beruflicher Erfolg heute dergestalt alternativlos geworden ist, was ist dann der moderne diskursive Ort des tatsächlich existentiellen Scheiterns? Ausgehend von der These, dass sich das moderne Konzept des Versagens in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus dem mechanisch-technischen Feld heraus als existentielles Nichtfunktionieren etabliert hat, ist diese Frage zugleich Ausgangs- und Fluchtpunkt meines Promotionsprojekts zu einer Poetik des Versagens.

Meine These lautet, dass es sich bei einem Versagen ursprünglich um eine in den Techno-wissenschaften virulente Vorstellung handelt, die sich um 1900 auch auf die Humanwissen-schaften überträgt. ‚Versagen’ beschreibt, wie die Arbeit zeigen will, ursprünglich einen thermodynamisch-energetischen Vorgang, infiziert jedoch schnell das Denken über das Subjekt und findet schließlich in der Literatur und insbesondere im Roman einen diskursiven Ort, der geeignet ist, das Phänomen, wie wir es heute kennen, durch Strategien der Zu-Schreibung, der Bewertung und der Beschämung endgültig festzuschreiben. Diese Transformationen der Denkfigur des Versagens ins literarische Feld zeichnet die Arbeit anhand ausgewählter Texte von Melville, Flaubert, Svevo und Kafka nach. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei einerseits auf der poetologischen Übersetzung des Versagens, hauptsächlich durch textuelle Mechanismen der Suspension; andererseits werden das Verhältnis von (In-)Intelligibilität des Versagens und Repräsentationalität und Verlässlichkeit der (sprachlichen) Zeichen schwerpunktmäßig in den Blick genommen.

Meine Dissertation setzt sich zum Ziel, sich wechselseitig informierende Diskurse des Versagens in den Natur- und Sozialwissenschaften sowie in der Erzählliteratur des späten 19. Jahrhunderts nachzuzeichnen. Ausgehend von einer zunächst energetisch-mechanischen Gedankenfigur öffnet die Arbeit den Blick auf einen ideengeschichtlichen Horizont, der noch heute unsere zeitgenössische Vorstellung von Versagen prägt.


Monographie

Minimale Männlichkeit. Figurationen und Refigurationen des Anzugs. Berlin: Neofelis 2016 (= Relationen. Essays zur Gegenwart Bd. 6).

 

Aufsätze

  • "'Do you recognize me? Bemerkungen zur Zeitlichkeit der Oberfläche in Twin Peaks", in: Caroline Frank, Markus Schleich (Hg.): Mysterium Twin Peaks. Zeichen – Welten – Referenzen, Wiesbaden: Springer VS 2020 [im Erscheinen].
  • "Altern sichtbar machen. Notizen zu Bruce Naumans Contrapposto Studies", in: Katharina Rajabi, Katharina Simon (Hg.): Bilder sichtbar machen, Berlin: Kadmos 2020 [im Erscheinen].
  • „Kein Schiffbruch, nirgends. Über das Versagen als modernes Anderes des Scheiterns“, in: Agnieszka Komorowska, Annika Nickenig (Hg.): Poetiken des Scheiterns. Formen und Funktionen unökonomischen Erzählens, Paderborn: Wilhelm Fink 2018, S. 131–144.
  • "Boys don't cry. Über Kitsch und Körper bei Hedi Slimane", in: Barbara Vinken (Hg.): Die Blumen der Mode, Stuttgart: Klett-Cotta, September 2016, S. 507–519.
  • „Zu einer Dialektik der Begriffe Held und Antiheld. Eine Annäherung aus literaturwissenschaftlicher Perspektive“, in: helden. heroes. héros. E-Journal zu Kulturen des Heroischen 3 (2015) [E-Journal des SFB 948 Helden – Heroisierungen – Heroismen der Universität Freiburg], S. 15–23.
  • „Verlorene Unschuld. Die trügerische Idylle im Werk Heinrich von Kleists“, in: Kleist-Jahrbuch 2013, S. 219–229.
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