Kai Schöpe

Transformation, Travestie und Traduktion – Giovan B. Lallis System barocken Schreibens

Alumnus der FSGS

Kai Schöpe, geboren 1987, studierte Philosophie, Latein und Italienisch an der Humboldt-Universität zu Berlin sowie an der Università degli Studi di Siena (Italien). Im Sommer 2012 schloss er einen promotionsvorbereitenden Master in Latinistik mit einer Arbeit zu Vergils Eklogen ab. Seinen zweiten Bachelorabschluss (Italienisch) erlangte er kurz zuvor mit einer Arbeit zu Antikereferenzen in Gaddas Pasticciaccio-Roman. Seit 2011 arbeitete er als SHK im Unterprojekt „Übersetzungen der Antike“ des Berliner SFB „Transformationen der Antike“, dem er als kooptiertes Mitglied angehört. Während seines Studiums war Kai Schöpe Stipendiat der Studienstiftung des Deutschen Volkes. Von Oktober 2012 bis September 2015 arbeitete er als Stipendiat der Friedrich Schlegel Graduiertenschule an seiner Dissertation, die er im Dezember 2015 erfolgreich verteidigte. 


Kai Schöpe, born in 1987, studied Philosophy, Latin and Italian Literature at Humboldt University Berlin and at the University of Siena (Italy). He completed an M.A. programme in Latin Studies with a thesis on Virgil’s Bucolics in summer 2012. In the same year, he earned a second bachelor’s degree (Italian Studies) with a thesis on Gadda’s novel “Quer pasticciaccio brutto de Via Merulana” and its allusions to antiquity. Since 2011, he has been part of the project “Translations of Antiquity” within the Collaborative Research Centre 644 “Transformations of Antiquity” (Berlin) to which he will remain affiliated. He held a German National Academic Foundation scholarship for the entirety of his studies. From October 2012 until September 2015 he was working on his dissertation at Friedrich Schlegel Graduiertenschule. 

 


Das Dissertationsprojekt beschäftigte sich mit italienischen und französischen Aeneis-Travestien, die zwischen 1632 und 1657 entstehen und das autoritative Epos Vergils in einer Form imitieren, die zu seiner ursprünglichen diskrepant ist. Dabei lassen sie das inhaltliche Grundgerüst unangetastet und erschaffen die komische Diskrepanz vermittels unterschiedlicher Texteingriffe (Digressionen, Anachronismen, Kommentare). Entgegen der Forschungsmeinung, dass die Komik der Travestien ausschließlich durch eine formale Herabsetzung erfolge, zeigen die vorgelegten Analysen, dass die genannten Texteingriffe auf formaler wie inhaltlicher Ebene erfolgen.

Mit seiner Eneide travestita hat Giovanni Battista Lalli die Verkleidungsmetapher geprägt, die heute allgemein diese Schreibweise bezeichnet. Er knüpft damit einerseits an übersetzungstheoretische Diskurse und andererseits an Verkleidungspraktiken an Höfen der Renaissance an. Weitere Bilder, etwa die von Wolken umgebene Sonne oder der Vergil im Zanni-Kostüm, gehören zu dem poetologischen Fundament, das Paul Scarron und andere französische Autoren aus Italien übernehmen. Besonders auffällig ist dabei, wie die vestimentäre Metapher zusammen mit Detailwissen aus Lallis Text ins Bildmedium des Kupferstichs gesetzt wird.

Trotz der Gemeinsamkeiten unterscheiden sich die Travestie Lallis und die französischen Texte des Korpus erheblich voneinander. Während Lallis Eneide travestita relativ isoliert in der italienischen Provinz entsteht, entbrennt in Paris kurz nach Erscheinen des ersten Buches von Paul Scarrons Virgile travesti ein Wettstreit um den ‚burlesken Vergil‘: Zwischen 1648-1652 zirkulieren neben Scarrons Fassung sieben weitere Burleskfassungen des antiken Epos, die nicht nur auf Vergils Text, sondern auch auf den Virgile travesti Bezug nehmen. Unter dem Einfluss der Fronde wird Vergils Epos für die französischen Autoren zum Sprungbrett für außertextliche Zwecke. Die literarische Schreibweise Lallis öffnet sich zur politischen Satire und drückt somit neben poetologischem auch politischen Protest aus.

Im Ergebnis zeigt sich, dass in den Travestien Antike und zeitgenössische Gegenwart nicht wie in der späteren Querelle des Anciens et des Moderns gegeneinander ausgespielt, sondern miteinander vermengt werden. Dabei entsteht etwas Neues, das als Produkt komplexer Transformationsprozesse bestimmte Antikebilder konstruiert, in denen sich zugleich das 17. Jahrhundert manifestiert.

In his Ph.D. project, Kai Schöpe examines the treatment of “classical” (Latin and Italian) literature by 17th century authors in Italy and elsewhere. The beginning of the Baroque era saw changes to the definition of literary value and to the pre-conditions for the production of literature. According to contemporary critics and authors, the virtuosity of the concetti and witticisms employed came to represent the true measure of literary excellence – thus superseding the traditional aptum/decorum rule. Following their ingegno, striving for both acutezza and meraviglia, the writers create works which refer directly, usually beginning with the title, to ancient or contemporary “classics” – and then proceed to re-write them. This produces hybrid forms that venture beyond traditional genre limits, frequently characterised by a comic and burlesque tone. Examples can be found in Giovan Battista Lalli’s works, including Rime del Petrarca trasformateTito Vespasiano overo Gerusalemme disolata, L’Eneide travestita and L’Egloghe di Virgilio tradotte. The project traces these processes n(transformation, destruction, travesty, translation) and analyses their impact on the conception of authorship and on the respective audiences. Each riscrittura is determined by claims to authorial prestige that arise within certain cultural and medial contexts, influencing the process of canonisation (and, conversely, decanonisation).

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