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Lisa Müller

Lisa Müller | © Lorenz Becker 2020

Freie Universität Berlin

Friedrich Schlegel Graduiertenschule

Alumna der FSGS

Schriftpoesie. Eigenbedeutung der lyrischen Graphie. Am Beispiel Thomas Klings

Lisa Müller war Stipendiatin der Friedrich Schlegel Graduiertenschule von Oktober 2015 bis März 2019 und arbeitete dort unter der Betreuung von Prof. Dr. Georg Witte, Prof. Dr. Jutta Müller-Tamm und Prof. Dr. Elisabeth K. Paefgen an ihrem Dissertationsprojekt Schriftpoesie. Eigenbedeutung der lyrischen Graphie. Am Beispiel Thomas Klings (erscheint vsl. 2020 in der Reihe Zur Genealogie des Schreibens (hrsg. v. Martin Stingelin, Sandro Zanetti und Davide Giuriato) des Wilhelm Fink Verlags).

Nach einem Bachelorstudium der Germanistik und Kunstgeschichte in Tübingen schloss sie im Sommer 2014 ihren M.A. der Neuen deutschen Literatur an der Freien Universität Berlin mit einer Arbeit zur Visualität von Sprache und Schrift am Beispiel der konkreten Poesie ab. 

Schriftpoesie. Eigenbedeutung der lyrischen Graphie. Am Beispiel Thomas Klings

Abstract der Dissertationsschrift

Meine Dissertation erörtert die Rolle schriftgraphischer Aspekte für das poetische
Schreiben. Ausgangspunkt der Studie ist die Beobachtung, dass die deutschsprachige
Lyrik der vergangenen Jahrzehnte eine Vielzahl von Gedichten hervorbrachte, die
ihr graphisches Erscheinungsbild auf unterschiedliche Weise mit Bedeutung behaften.
Auf den ersten Blick erkennbar sind etwa der eigenwillige Umgang mit der Verteilung
der Schriftzeichen auf dem Schriftträger oder der Gebrauch von Schriftauszeichnungsformen.
Auf mikrotextueller Ebene erweist sich die Textgraphik mit Blick auf die Funktionalisierung
von Interpunktionszeichen oder willentliche orthographische Regelverstöße
als bedeutsam. Signifikant ist hierbei, dass sich all dies nicht mit der Referenz auf
das Lautsystem der Sprache erfassen lässt. Die Schrift der zeitgenössischen deutschsprachigen
Lyrik führt ein Eigenleben, dessen Bedeutung die größtenteils phonozentrisch perspektivierte
Lyrikforschung bisher nicht eingehend diskutiert hat.
Ausgehend von diesen Befunden verfolgt die Studie zwei Zielsetzungen: Zum einen
spürt sie denjenigen literaturhistorischen Entwicklungen nach, auf deren Basis sich die
beschriebenen schriftgraphischen Stilmittel herausbildeten. An ausgewählten Beispielen
wird gezeigt, wie sich in der Poesie um 1900 unter dem Einfluss eines veränderten Bewusstseins
für die Medialität und Materialität des sprachlichen Ausdrucks eine gesteigerte
Aufmerksamkeit für die schriftgraphische Dimension von Gedichten ausdifferenzierte.
In Auseinandersetzung mit der Poesie Stéphane Mallarmés, Arno Holz’, Stefan
Georges, Kurt Schwitters’ und Filippo Tommasso Marinettis sowie mit dem typographischen
Diskurs der Zeit wird eine Entwicklung skizziert, in deren Zuge das Ausdruckspotential
von Orthographie, Interpunktion und Schriftgestaltung zum Gegenstand poetologischer
Reflexion avancierte. Auf diese Diskussion baut das zweite Vorhaben dieser Arbeit
auf und untersucht die Bedeutung schriftgraphischer Aspekte der Lyrik der letzten
Jahrzehnte am Beispiel des Werks Thomas Klings. Dabei wird zum einen mit Blick auf
die Genese exemplarischer Gedichte gezeigt, welch hohen Stellenwert der Dichter der
graphischen Dimension seiner Texte beimaß. Entgegen der dominant phonozentrisch perspektivierten
Kling-Forschung erweist sich der Autor als veritabler Schriftpoet. Versformend,
zeichensetzend und schriftgestaltend etabliert Kling ein genuin schriftgraphisches
Ausdruckssystem und bringt komplexe Äußerungsstrukturen hervor, die sich mitunter
dadurch auszeichnen, dass sie nicht nur besagen, sondern zeigen, bzw. im wahrsten Sinne
des Wortes „vor Augen“ führen. Dieses zweite Vorhaben hat nicht allein zum
Ziel, das Spektrum schriftgraphischer Gestaltungsmittel und dessen Relevanz für den Autor
aufzudecken. Zentral ist vielmehr das Bestreben, Versformung, Zeichensetzung und
Schriftgestaltung nach deren Wirkung zu befragen und in ihrem jeweiligen Anwendungskontext
zu interpretieren. Damit versteht sich meine Arbeit als Zusammenführung
von Vorschlägen, die veranschaulichen, wie die schriftgraphische Dimension
von Gedichten fruchtbar in die Analyse eingebunden werden kann. Sie will zeigen, dass
eine Analyse von Gedichten anhand ihrer graphischen Gestalt nicht nur ergebnisreich sein
kann, sondern unerlässlich ist, will man die Lyrik der letzten Jahrzehnte in all ihren Facetten
erfassen.

Vorträge

2016

Inszenierungen von Schrift und Stimme. Räumlichkeit und Zeitlichkeit in zeitgenössischer deutschsprachiger Lyrik — Paper im Rahmen der Annual Conference der German Studies Association im Panel "Lyrik Matters", September 2016.


Poesia ex machina: Apparative und algorithmische Lyrikproduktion — Vortrag im Rahmen der Jahrestagung der Friedrich Schlegel Graduiertenschule, November 2016.

Ausgerichtete Veranstaltungen

téchnē. Techniken und Technologien des Literarischen, Jahrestagung der FSGS, 11.-12. November 2016


Podiumsdiskussion zum Thema Techniken und Technologien der Lektüre: Alte Kulturtechniken, literaturwissenschaftliche Methoden und die "Digital Literary Studies", im Rahmen der Jahrestagung der FSGS 2016


Wie entstehen Raumkonzepte? 1600 und 1900 im Vergleich, Workshop, September 2014, Tübingen

(Onlinepublikation der Beiträge hier)





reflex 6: Wie entstehen Raumkonzepte? Diachrone Blicke auf 1600 und 1900, hrsg. mit Veronica Peselmann, Yvonne Schweizer, Frauke Fitzner und Tim Jegodzinski, Tübingen 2016.

Link zur Onlinepublikation

Zur Website Fachbereich Philosophie und Geisteswissenschaften
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