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Roman Kuhn

Do(n’t) Judge a Book by It’s Cover. Geschichte und Theorie peritextueller Fiktionsmarkierungen

Alumnus der FSGS

Adresse
Habelschwerdter Alle 45
Raum JK 33/231
14195 Berlin

Sprechstunde

Mi, 16–17 Uhr

Roman Kuhn, geboren 1984 in Sulzbach-Rosenberg (Bayern), studierte von 2005 bis 2012 Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Freien Universität Berlin und der Université Paris VIII. In seiner BA-Arbeit untersuchte er die Verortung von Georges Perecs W ou le souvenir d’enfance in der autobiographischen Theorie und Tradition; seine Masterarbeit beleuchtet die ambivalente paratextuelle Markierung von Fiktionalität in einigen Texten Daniel Defoes.

Die Promotion an der Friedrich Schlegel Graduiertenschule hat Roman Kuhn im Mai 2016 mit der Arbeit Do(n’t) Judge a Book by It’s Cover. Geschichte und Theorie peritextueller Fiktionsmarkierungen erfolgreich abgeschlossen.

Seit Juni 2016 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter in der DFG-Forschergruppe 2305 Diskursivierungen von Neuem.

Roman Kuhn, born in 1984 in Sulzbach-Rosenberg (Bavaria), studied Comparative Literature in Berlin (Freie Universität) and Paris (Université Paris VIII). He finished his BA with a thesis on Georges Perec's "W ou le souvenir d'enfance" and its position in both autobiographic tradition and theory. In 2012 he finished his MA with a thesis on the ambivalent status of claims to fictionality, or non-fictionality, in the peritexts of several works by Daniel Defoe.

 

Do(n’t) Judge a Book by It’s Cover. Geschichte und Theorie peritextueller Fiktionsmarkierungen


In der Fiktionstheorie wurden peritextuelle Elemente immer wieder
als ›Fiktionssignale‹ beschrieben, die zu einem Umgang mit dem Text als fiktionalem
anregen. Jedoch wurden weder die historischen Hintergründe noch die theoretischen
Implikationen dieser Annahme ausführlicher analysiert.
In einem ersten Schritt unternimmt diese Arbeit daher den Versuch, einen Überblick
über Paratext- und Fiktionstheorie zu bieten, der die Anschlussmöglichkeiten
zwischen diesen Feldern aufzeigt. Insbesondere die Scheidung der Verantwortung
von Autor und Erzähler bei fiktionalen Texten und das Konzept fiktiver Welten lassen
sich dabei auf vielfältige Weise mit der Beschreibung der Funktionsweisen des
Peritextes verschränken.
In der Betrachtung von Erzähltexten insbesondere des 18. und des 20. Jahrhunderts
zeigt sich dabei zunächst eine auffällige Diskrepanz: Während ein großer Teil
der Texte aus dem 18. Jahrhundert im Peritext darauf insistiert, keine Fiktion darzustellen,
sondern vielmehr eine wahre Geschichte zu erzählen, bestehen im 20. Jahrhundert
eine Reihe von Texten zunächst auf dem exakten Gegenteil: Sie präsentieren
sich als ›pure‹ Fiktion, bei der Ähnlichkeiten zur realen Welt allenfalls zufällig seien.
Diese Diskrepanz ist nicht zufällig. Vielmehr zeigt sich in der Analyse, dass in beiden
Fällen peritextuelle Elemente dazu eingesetzt werden, auf jeweils spezifisch zeitgenössische
Probleme im Umgang mit Fiktion zu reagieren. Zugleich aber entsteht dabei
eine selbstreflexive Dynamik des Peritextes, die diese zunächst extrinsischen Motivationen
aufgreift und in eine primär intrinsisch motivierte peritextuelle Tradition
überführt. Was an der Oberfläche also als Diskrepanz erscheint, erweist sich in einer
tieferen Dimension als vergleichbare Struktur, bei der die Grenze zwischen Text und
Paratext, zwischen einem ›Innen‹ und ›Außen‹ selbstreflexiv aufgegriffen werden
kann – und damit auch die Grenze zwischen fiktionsexterner und fiktionsinterner
Kommunikationssituation sowie die Grenze zwischen fiktiver und realer Welt.
Dass dies nicht nur bei den häufiger untersuchten und selbst schon ›werkartigen‹
Peritexten wie etwa Vorworten der Fall ist, zeigen die hier ebenfalls vorgestellten
Analysen ›kleiner‹ peritextueller Elemente wie Titel, Gattungsbezeichnungen oder
Disclaimer. Insbesondere sind davon auch Bereiche des Peritextes betroffen, die sich
zunächst als rein extrinsisch motiviert darstellen, wie Verlags- oder bibliographische
Angaben und – nicht zuletzt – peritextuelle Markierungen, die das Ende eines Textes
anzeigen. Auch piktorale Elemente (Karten, Faksimiles und Photographien), die auf
je eigene Art einen indexikalischen Charakter besitzen und damit ein spezifisches
Verhältnis zur realen Welt aufweisen, können in dieses Spiel einbezogen werden. In
allen diesen Fällen sind die Befunde zu historisieren, denn sie beruhen auf peritextuellen
Verfahren, die eigene inter(peri)textuelle Traditionslinien ausbilden und peritextuelle
Topoi modifizierend aufgreifen können. Um Abweichung und Bestätigung
derselben in einzelnen Peritexten adäquat einschätzen zu können, ist es unabdingbar,
diese Traditionen aufzuarbeiten – dazu leistet die Arbeit einen Beitrag.

 

Studies of the theory of fiction(ality) and the reception of fiction emphasize the impact that peritextual markers have on our understanding of artefacts as either fiction or non-fiction. Genre labels, explicit statements concerning the fictionality or "inventedness", (legal) disclaimers or conventional elements of the title are regarded as signals, telling the reader that the texts in question do not represent reality. This broad statement, however, lacks both theoretical foundation and deeper insight into the diachronic evolution of peritextual status claims.

The dissertation focusses on the evolution of peritextual "signposts of fictionality" in German, English and French narrative literature from the "rise of the novel" to contemporary texts. The ambivalent function of such claims and signals will be described in detail as well as the circumstances that lead to their introduction and evolution.

Insights into the historical practices of publication (most peritextual elements well known to today's readers, such as genre labels, jacket texts, "blurbs", disclaimers etc., emerge only comparatively late in the history of the book) as well as considerations of copyright and conceptions of authorship will open a diachronic perspective that intends to found the theory of fictionality upon a broad material base. The diachronic approach and the analysis of peritextual markers should also lead to a contribution to the theory of fictionality
itself, focussing on the ubiquitous ambivalence of these markers and the fact that fiction often was, and is, read (also) as a description of reality – even if a peritext claims that it is not.

 

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