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Jahrestagungsbericht: „Forget it? Formen des Vergessens in der Literatur“

Autor*innen: Melina Brüggemann, Oleg Gubetskov, Gabriel Kombasséré, Helin Sun, Mariko Wakayama

Inwiefern wohnt der Literatur das Potenzial inne, dem Vergessen eine oder mehrere Formen zu verleihen und es dadurch spürbar, greifbar zu machen? Wann, warum und auf welche Weise vergessen Texte oder Figuren bestimmte Dinge? 
Wie gehen Texte mit der Lückenhaftigkeit ihres eigenen Wissens um? Lassen sich in der Literaturgeschichte verkehrte Madeleine-Effekte finden, die einen konkreten Ausgangspunkt des Vergessens markieren? Welche temporalen Strukturen liegen dem Vergessen zugrunde? Wie bearbeiten literarische Texte die affektiven Wirkungen des Vergessens? Und kann es so etwas wie ein ‚produktives‘ Vergessen innerhalb der Literatur geben?

Im Versuch, Antworten auf diese und andere verwandte Fragen zu finden, wurden im Rahmen der FSGS-Jahrestagung 2025 Vortragende dazu eingeladen, Theorien und Praktiken, Techniken und Funktionen des Vergessens zu untersuchen und auf ihre inhaltlichen und formalen Inszenierungen in literarischen Texten zu befragen.
Mit Verweis auf Umberto Ecos Ausruf einer unmöglichen ‚Ars oblivionalis‘ sollte untersucht werden, ob es eine Kunst des Vergessens überhaupt geben kann und, falls ja, wie sich diese in literarischen Texten zeigt. 
Denn bildet das Erinnern seit jeher ein zentrales und formgebendes Motiv in der Literatur, bilden literarische Texte so häufig nicht nur vielschichtige Erinnerungsprozesse ab, sondern inszenieren und konstruieren diese auch anhand ihrer narrativen Verfahren, fungiert Literatur also immer auch als Medium des individuellen und kollektiven Gedächtnisses, so findet das Vergessen als aktiver Prozess im Gegensatz zum Erinnern unbewusst und unbemerkt statt. Diese Herausforderung einer Sichtbarmachung des Unsichtbaren ist also eine erste Schwierigkeit, aber auch ein erster möglicher produktiver Ausgangspunkt, um sich Formen des Vergessens in der Literatur zu widmen.

Die Keynote der Jahrestagung mit dem Titel „Popularität und Gedächtnis“ von Prof. Niels Werber (Universität Siegen) legte einen theoretischen Fokus auf das soziale und marktökonomische Vergessen, ausgehend von Theorien von Friedrich Kittler und Elena Esposito. Mit Blick auf die Transformationen des Populären erläuterte Niels Werber zunächst die Funktion der Verteilung von Beachtung im Hinblick auf das Erinnern und Vergessen. Anschließend diskutierte er anhand der Bestseller-Autor:innen Caroline Wahl und Daniel Kehlmann, wie sich literarische Texte auf die Präferenzen des sozialen Vergessens und die Anforderungen der Populärkultur eingestellt haben und entsprechend rezipiert werden.

Im anschließenden ersten Panel sprach Manuela Barney Seidel, Doktorandin an der FSGS, über die vergessene kolumbianische Autorin Marvel Moreno und Formen des Vergessens sowie Verdrängens in ihren Kurzgeschichten, Romanen und deren Verfilmungen. Theoretisch setzte sich der Beitrag mit Aleida Assmanns Formen des Vergessens und Formen des Schweigens auseinander. In den folgenden Lektüren und Analysen ging es vor allem darum, auf welche Weise bestimmte Figuren in den literarischen Texten der Autorin vergessen werden bzw. ihr Vergessen inszeniert wird. In weiteren Untersuchungen wurde deutlich, inwiefern diese dargestellten Prozesse des Vergessens als erzählerische Strategien fungieren und den Effekt von Ungewissheit hervorrufen. Fina Torres Filmadaption von Oriane (1985) verdeutlichte schließlich, wie einzelne Elemente, z.B. Treppen, Schaukeln und Fotografien, dem Erinnern bzw. dem Vergessen zugrunde liegen. Das Vergessen ist in den Texten von Marvel Moreno, so Manuela Barney Seidel, eng mit Geheimnissen und Tabus verknüpft, die ans Licht zu kommen drohen.

Das Panel wurde mit dem Beitrag des FSGS-Promovierenden Gabriel Kombasséré zur literarischen Aufarbeitung der deutschen Kolonialzeit in Togo anhand von Kangni Alems Essays „Wo ist Togoland?“ fortgeführt. Im Mittelpunkt stand dabei die Erinnerungskultur in Togo, die von einer Pluralität der Wahrheiten gekennzeichnet ist. Hierbei inszenieren und verzerren das „elastische“ Gedächtnis der Einheimischen und die Vernachlässigung des baulichen Kulturerbes das Erinnern und Vergessen der Kolonialzeit. Der Vortrag thematisierte somit die Konfrontation der offiziellen Geschichtsschreibung mit den Narrativen der lokalen Bevölkerung, wobei Gabriel Kombasséré sich im Anschluss an Kangni Alem zum Ziel setzte, sowohl Mythen als auch historische Fakten zum Kolonialismus in Togo zu befragen.

Im zweiten Panel hielt Dr. Ruben Pfizenmaier (Universität Hildesheim) einen Vortrag zum Thema „Affekt und Vergessen: Über die Künste des Vergessens und deren Kritik“. Ausgehend von den Mnemotechniken und philosophischen Selbstpraktiken der antiken Rhetorik, in denen es um die Effizienzsteigerung des Gedächtnisses ging, sowie in kritischer Auseinandersetzung mit Umberto Eco untersuchte Ruben Pfizenmaier, ob und wie Vergessen geübt werden kann, wie Praktiken aussehen, die auf Vergessen abzielen, und welches Verständnis von Vergessen ihnen zugrunde liegt. Dabei stellte er insbesondere die Begriffe von Affekt und Affizierbarkeit in den Vordergrund – als sprachlich verfasste Bilder und eigentlicher Motor der Gedächtniskünste, die Eco seiner Meinung nach übersehen hat.

Anschließend sprach die FSGS-Gastdoktorandin Mireia Casanyes Dalmau (Universitat de Barcelona) über die vergessene Choreographie der Avantgarde am Beispiel zweier Gedichte von Emmy Hennings. Ihr Vortrag lag an der Schnittstelle von Lyrik und Tanz. Während der Tanz eine körperliche Praktik und von ausgesprochen nonverbaler Natur ist, bemüht sich das Gedicht, so Mireia Casanyes Dalmau, Emotionen in Worten festzuhalten. In der Kombination von Vers und Tanz formulierte sie ihre zentrale Fragestellung: Mit welchen lyrischen Verfahren ist ein Vergessen sprachlicher Ausdrucksweise verbunden? Auf welche Art und Weise werden der Körper und die Sprache jeweils erinnert und vergessen?

Im dritten und letzten Panel befasste sich Dr. Hanna Hamel (ZfL/TU Berlin) mit literarischen Fragen der Digitalisierung. Dabei gab sie zunächst Einblicke in Problematiken der Digitalisierung, die darin bestehen, dass sich die Informationen über die transtextuellen Bezüge der korrelierten Gedanken und Motive im Zuge der Digitalisierung verlieren; der Selektions- und Rekombinationsprozess als solcher also nicht mehr nachvollziehbar ist. Darin liegt ein wesentlicher Unterschied zwischen künstlich generierten Texten und den von menschlichen Autor:innen produzierten, also jenen, die auf eine individuelle Lektürebiografien, willentliches Auswählen – und Vergessen – von Material zurückgehen. Der Vortrag diskutierte mit Blick auf den aktuellen Umgang mit Archiv und Kanon, worin die „plastische Kraft“ literarischen Schreibens liegen könnte, und argumentierte, dass diese für die Gestaltung bedeutsamer transtextueller Bezüge zentral sei.

Die Tagung endete mit einer literarisch-politischen Perspektive in Form einer Lesung mit der Autorin Lena Gorelik und einem Gespräch zum Thema „Stolpertexte“, in dem das Vergessen als Widerstand, gegen den es anzuschreiben gilt, thematisiert wurde. Die Kernfrage lautete: Was können literarische Texte und Praktiken gegen ein Vergessen tun, welches widerständige Potenzial, welche Fähigkeit zur Erinnerung liegt in der Literatur? Die Autorin Lena Gorelik las dafür zunächst aus eigenen Texten und führte anschließend ein Gespräch mit der FSGS-Doktorandin Melina Brüggemann. Die Fragen vom Publikum zur Funktion des Vergessens in Goreliks Schreib- und Übersetzungsprozessen boten eine schöne Zusammenfassung der zahlreichen Facetten des Tagungsthemas, die in den früheren Vorträgen ausgeleuchtet worden waren. Rege Gespräche zum Thema wurden sogar weiter nach dem offiziellen Ende des Programms beim Abendempfang weitergeführt.

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