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Das Frankreichzentrum gratuliert der französischen Autorin Annie Ernaux zum Literatur Nobelpreis!

News vom 07.10.2022

Annie Ernaux manifestly believes in the liberating force of writing. 
Her work is uncompromising and written in plain language, scraped clean. 
And when she with great courage and clinical acuity reveals the agony of the experience of class, describing shame, humiliation, jealousy or inability to see who you are, 
she has achieved something admirable and enduring

Die Verleihung des Literatur-Nobelpreises am 06. Oktober 2022 an Annie Ernaux würdigt ihr literarisches Werk, in dem sie in einer dezidiert nüchternen und präzisen Sprache immer wieder drängende soziale Fragen aufgreift. Ihr Projekt einer Autosoziobiographie ist prägend für eine Vielzahl junger Autor*innen. Auch an der Freien Universität werden Annie Ernaux’ Texte lange schon regelmäßig in Lehrveranstaltungen behandelt und waren wiederholt Gegenstand von Forschungsarbeiten wie auch von unterschiedlichen Veranstaltungsformaten.

Mit oben genannten Erläuterungen endet die Begründung der Königlichen Schwedischen Akademie für die Wahl von Annie Ernaux für den diesjährigen Literaturnobelpreis. Die 1940 geborene Autorin hat zunächst Romane geschrieben, bis sie mit La Place (1984) einen ersten auto(sozio)biographischen Text vorgelegt hat. In diesem Portrait wird das Leben ihres Vaters nacherzählt: Ein Mann, der aus einer Bauernfamilie stammt und ein kleines Lebensmittelgeschäft führt, aber trotz sozialem ‚Aufstieg‘ mit seiner Frau und Tochter in prekären Verhältnissen lebt. In den Schilderungen zum Alltag ihres Vaters reflektiert die Erzählerin gleichzeitig auch den eigenen Werdegang, denn sie studiert als erstes Familienmitglied, wird Lehrerin und zieht von der Provinz in die Stadt, was eine wachsende Entfremdung von ihrer Familie wie auch Scham gegenüber der eigenen Herkunft und Sprache zur Folge hat. Die Vermittlung dieser Perspektiven setzt Ernaux literarisch um und findet dabei einen ganz eigenen Stil:

Depuis peu, je sais que le roman est impossible. Pour rendre compte d’une vie soumise à la nécessité, je n’ai pas le droit de prendre d’abord le parti de l’art, ni de chercher à faire quelque chose de ‚passionnant‘, ou ‚d’émouvant‘. Je rassemblerai les paroles, les gestes, les goûts de mon père, les faits marquants de sa vie, tous les signes objectifs d’une existence que j’ai aussi partagée. Aucune poésie du souvenir, pas de dérision jubilante. L’écriture plate me vient naturellement, celle-là même que j’utilisais en écrivant autrefois à mes parents pour leur dire les nouvelles essentielles. (La Place 1984, S. 24)

Seit Kurzem weiß ich, dass der Roman unmöglich ist. Um ein Leben wiederzugeben, das der Notwendigkeit unterworfen war, darf ich nicht zu den Mitteln der Kunst greifen, darf ich nicht »spannend« oder »berührend« schreiben wollen. Ich werde die Worte, Gesten, Vorlieben meines Vaters zusammentragen, das, was sein Leben geprägt hat, die objektiven Beweise einer Existenz, von der auch ich ein Teil gewesen bin. Keine Erinnerungspoesie, kein spöttisches Auftrumpfen. Der sachliche Ton fällt mir leicht, es ist derselbe Ton, indem ich früher meinen Eltern schrieb, um ihnen von wichtigen Neuigkeiten zu berichten. (Der Platz 2019, S. 20f.) 

Ernaux nimmt in diesem und den folgenden Texten eine überindividuelle Perspektive (je transpersonnel) ein, lehnt jegliche Form der Fiktionalisierung ab und betont, dass ihre Texte ‚unterhalb der Literatur‘, irgendwo zwischen Geschichte und Soziologie zu verorten seien. Besonders eindrucksvoll gelingt diese doppelte Perspektive in Les Années / Die Jahre (2008). In dem Buch bildet die Biographie der Autorin den roten Faden – erzählt wird allerdings nicht wie gewöhnlich aus der ersten Person Singular, sondern in der dritten Person und immer verknüpft mit der gesamtgesellschaftlichen, kulturellen und politischen Geschichte Frankreichs. Mit diesem, durch Sonja Finck für den Suhrkamp Verlag übersetzten, Buch wurde sie auch in Deutschland einem größeren Publikum bekannt – mit dem Literaturnobelpreis wird sie nun die verdiente volle internationale Aufmerksamkeit erhalten. Das Frankreichzentrum sagt: Félicitations!

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