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Repertorium deutschsprachiger Ehelehren der Frühen Neuzeit

Institution:

Institut für Deutsche und Niederländische Philologie - Ältere deutsche Literatur und Sprache

Förderung:

Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel (1996/97), Fritz Thyssen Stiftung (1999/2000), Gerda Henkel Stiftung (2001-04).

Projektlaufzeit:
01.01.1996

Gegenstand des Repertoriums sind Texte, deren primärer Zweck es ist, über die Ehe als Lebensform und als soziale Ordnungseinheit zu belehren. Sie sind Teil eines europaweit geführten Diskurses, in dem ab der Mitte des 15. Jahrhunderts ordnungspolitische und seelsorgerische Interessen konvergieren. Vor allem mit der Abwertung zölibatärer Lebensweisen in der Reformation wird die Ehe für alle, ohne Ansehen des Standes, zur verbindlichen Lebensform proklamiert, die Gottes Segen und Prosperität gleichermaßen zu sichern und das Geschlechterverhältnis eindeutig zu bestimmen vermöge. An diesem Ehediskurs beteiligen sich namhafte Reformatoren (z. B. Brenz, Bullinger, Luther, Mathesius, Melanchthon) und Humanisten (z. B. Albrecht von Eyb, Erasmus von Rotterdam, Pontanus, Vives), aber auch eine Vielzahl heute unbekannter Gelehrter, Schulmeister und Pastoren. Seine normsetzenden Potenzen entfalten sich bis in die folgenden Jahrhunderte hinein. Dieser Diskurs  ist im 15. Jahrhundert an noch relativ wenigen Texten zu verfolgen, schlägt sich dann aber im 16. Jahrhundert in einer rasant anschwellenden Flut von Schriften nieder, die ein breites Spektrum unterschiedlicher Textsorten, Diskurstypen und Funktionen erkennen lassen. Es sind Predigten, Traktate, Lehrgespräche und Dialoge, die präskriptiv und argumentativ das richtige Verständnis der Ehe darlegen.

Sie unterrichten Laien über die Bedeutung der Ehe, die Gründe für das Eingehen einer Ehe und die Voraussetzungen für die Eheschließung, über das Verhältnis der Eheleute zueinander, die geschlechtsspezifischen Pflichten in Ehe, Familie und Hauswirtschaft, das Verhältnis von Eltern, Kindern und Gesinde, über das Leben im Witwenstand und die Legitimation zur Wiederverheiratung. Hinsichtlich ihrer Entstehung, literarischen Konstitution und medialen Verbreitung sind die Texte Teil einer 'Gebrauchsliteratur', die sich dem rasanten Prozess der Verschriftlichung auch des privaten Lebens im 16. Jahrhundert verdankt. Sie richten sich an die Obrigkeit - Hochadel wie Stadträte - in ihrer Funktion als Ordnungsgaranten, vor allem aber an unverheiratete und verheiratete Angehörige aller Stände, wobei sowohl Adlige wie Bürgerliche, Freunde und Gönner der Autoren als explizit genannte Adressaten greifbar werden. 

Dieses umfangreiche Textmaterial ist bisher nicht systematisch erfasst. Das Repertorium wird einen Überblick über dieses Textcorpus ermöglichen und den einzelnen Text für das Interesse unterschiedlicher Disziplinen erschließen. Das Repertorium ist auf drei Bände angelegt, in denen alle bibliographisch eruierten Titel (etwa 800) zugänglich gemacht und die Texte aus den Bibliotheken in Berlin (Band I/1 und I/2) Wolfenbüttel (Band II) und München (Band III) detailliert vorgestellt werden. Band I/1 ist 1996 im Akademie-Verlag Berlin erschienen, Band I/2 2024 im Verlag de Gruyter.

Weitere Forschungsinitiativen der FU-Berlin zu Mittelalter und Früher Neuzeit finden Sie im Forum Mittelalter - Renaissance - Frühe Neuzeit.