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Babette Schnitzlein

Babette Schnitzlein

 

E-Mail: schnitzlein [at] schriftbildlichkeit.de

 

Dissertationsvorhaben

"Altorientalische Schriftlichkeit im Spannungsfeld von Kulturtheorie und gesellschaftlicher Realität"

 

Projektbeschreibung

Um ca. 3200 v. Chr. tauchten die ersten Schriftzeugnisse in Südmesopotamien und im Iran auf. Aus dieser frühen Schrift entwickelte sich in Mesopotamien die Keilschrift. Diese wurde bald neben dem Sumerischen für weitere Sprachen wie das Akkadische, später das Hethitische, das Hurritische, das Urartäische etc. adaptiert. Die letzten Belege für diese Schrift stammen aus dem 1. Jahrhundert n. Chr.

Das Dissertationsprojekt beschäftigt sich mit Schreibpraktiken und Schriftrealitäten in Mesopotamien, die in der Altorientalistik bisher kaum Beachtung fanden.

Die frühesten Schriftzeugnisse sind administrativen Inhalts (85%) und lexikalische Listen (15%). Bereits sie weisen standardisierte Textformate, Zeichen und Maßzeichensysteme auf. Aufgrund seines Formats lässt sich daher ein früher Text als Liste identifizieren. Listen wurden über Jahrhunderte hinweg tradiert und fanden Verwendung in der Schreibausbildung.

Ursprünglich fast ausschließlich für die Administration verwendet, weiteten sich die Anwendungsfelder der Schrift auf beinahe jeden Bereich der Gesellschaft – wie Politik, Religion, Recht und Mathematik – aus. In diesen Zusammenhang ist die Standardisierung des Formats von verschiedenen Textgattungen anzuführen, die in enger Verbindung mit ihrer Anwendung steht. Neben der Tontafel dienen auch Statuen, Stelen, Gefäßen, Perlen usw. als Schriftträger. Hierbei wird deutlich, dass die Materialität der Schrift in einer engen Beziehung mit ihrer Operationalität steht.

Zum Beispiel platzierten im 1. Jahrtausend v. Chr. die neuassyrischer Herrscher Stelen/Felsreliefs mit standardisierten Königsdarstellungen und Tatenberichten, um ihren Herrschaftsanspruch zu markieren. Der Inhalt der Inschrift hängt mit dem jeweiligen Aufstellungs- bzw. Anbringungsort des Monuments zusammen. Das Heranziehen von archäologischen und philologischen Quellen ermöglicht genauere Aussagen über den Verwendungs- und Aufbewahrungskontext von Schriftzeugnissen.

Auch das indigene Verhältnis zur Schrift ist Gegenstand der Betrachtung. Ausgehend von der Eigenbegrifflichkeit können emische Kategorien herausarbeitet werden. Bezeichnungen für Texte verweisen auf die Existenz verschiedener Textgattungen. Dabei ist der Frage nachzugehen, welchen Bezug diese zu Format, Inhalt und Funktion der Schriftzeugnisse haben. Durch die Zusammenschau archäologischer und philologischer Zeugnisse lassen sich auch Rückschlüsse auf Schreibmaterialien und Schreibgeräte ziehen. Beispielsweise sind kaum Schreibgeräte im archäologischen Kontext gefunden worden. Dennoch lassen sich diese teilweise durch Textzeugnisse, bildliche Quellen und der Untersuchung von Schriftzeichen rekonstruieren: für die Tontafel ist es der Griffel aus gespaltenem Schilfrohr.

Es ergibt sich unter anderem bereits aus ihrer Struktur das heuristische Potenzial der Keilschrift. Die polyvalenten Zeichen sind sowohl Logogramme als auch Syllabogramme. Besonders im 1. Jahrtausend v. Chr. wurden Texte kreiert, die durch die Mehrdeutigkeit der Zeichen mit verschiedenen Bedeutungsebenen spielten.

Häufig wird bei Diskussionen über Schriftlichkeit eine gesellschaftliche Organisationsform beziehungsweise bestimmte Entwicklungen – sei es implizit oder explizit – vorausgesetzt. Es soll betrachtet werden, inwiefern diese Theorien mit dem altorientalischen Befund übereinstimmen oder kontrastieren. Hierfür rücken die Wechselwirkungen der Kulturtechnik Schrift und der jeweiligen Gesellschaft in den Mittelpunkt des Interesses. Die Bedeutung und die Anwendung der Kulturtechnik kann sich je nach Gesellschaft stark unterscheiden.

 

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Deutsche Forschungsgemeinschaft
Dahlem Research School