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Rainer Totzke

Rainer Totzke

Rainer Totzke

Rainer Totzke

 

E-Mail: totzke [at] schriftbildlichkeit.de

Telefon: (030) 838-54 102

 

Forschungsvorhaben

"Assoziagrammatik des Denkens zur Rolle nicht-textueller, 'kartographischer' Schriftspiele in philosophischen Manuskripten"

 

Projektbeschreibung

Philosophie ist – zumindest im abendländischen Kulturkontext – ein genuin schriftbasiertes Unternehmen. Versucht man die Rolle zu reflektieren, die die Schrift innerhalb der Philosophie spielt, so verengt sich der Fokus jedoch beinahe unwillkürlich auf ganz bestimmte Arten von philosophischen Schriftgebrauchspraktiken – von philosophischen „Schriftspielen“ –: auf „textuelle“ Schriftspiele. Philosophie selbst wird dann primär als Produktions- und Rezeptionsbetrieb von schriftlichen Texten betrachtet: von Monographien, Aufsätzen oder eventuell noch Wörterbuchartikeln.

Demgegenüber möchte ich mit dem Projekt „Assoziagrammatik des Denkens“ anhand von schriftbildlichen Artefakten in philosophischen Manuskripten darauf aufmerksam machen, dass es eben auch Schriftverwendungen in der Philosophie gibt, die kaum oder gar nicht textuell – im Sinne einer linearen Abfolge von Sätzen – verfasst sind. Der Blick auf eine Reihe von philosophischen Manuskripten zeigt, dass sich Entstehung, Aneignung und Vermittlung von philosophischen Gedanken häufig auch der Operation mit Begriffen, Zitatbruchstücken, „Titelwörtern“, „Überschriften“ etc. auf der Schreibfläche verdanken. Sie verdanken sich einer „graphischen“ Operation mit Wörtern und Wortgruppen, die gerade  nicht linear auf der Fläche arrangiert werden, bei denen es zu Phänomenen wie Über-, Unter- und Nebeneinanderschreibungen ebenso kommt, wie zu Durch- und Unterstreichungen, zu Umrahmungen oder Umkreisungen und zur Einzeichnung von Verbindungslinien zwischen den einzelnen Wörtern/Wortgruppen.

Nichttextuelle Schriftspiele auf Manuskriptbögen fungieren oftmals als wichtige philosophische Gedankenlabore, in denen z.B. bestimmte Begriffskonstellationen, Thesen- und Argumentationszusammenhänge skizzenhaft entworfen und schriftbildlich-kartographisch „vorgetestet“ werden. Anhand anderer, im Ansatz eher exzerptiver nichttextueller Schriftspiele in philosophischen Manuskripten sieht man, wie philosophisch Neues dadurch entsteht, dass sich Philosophen fremde Texte oder Diskussionen mit Gesprächspartnern diagrammatisch-schriftbildlich aneignen und diese dabei zugleich variieren und umarbeiten. Die entsprechenden schriftbildlichen Artefakte haben einen „epistemischen Mehrwert“ – zunächst erst einmal für die Schöpfer dieser Schriftbilder selber, dann aber auch – so die weitergehende These – für diejenigen, die versuchen, sich das jeweilige Denken eines Philosophen anzueignen. Es kann für das Verständnis eines Philosophen sinnvoll sein, sich nicht nur seine schriftlichen „Fließtexte“ anzuschauen, sondern das Augenmerk auch auf bestimmte seiner schriftbildliche Artefakte zu lenken, zumal es nicht-textuelle, diagrammatisch-kartographische Schriftspiel-Praktiken in der Philosophie auch außerhalb der Manuskripte gibt: Philosophie Lehrende etwa präsentieren oder entwerfen im Seminar und/oder in der Vorlesung häufig Schriftbilder – an der Tafel, auf Postern oder im Powerpoint – etwa um Begriffsbeziehungen darzustellen, Gedankenverknüpfungen und Argumentationsstrukturen schriftbildlich vor Augen zu stellen.

Konkretes Ziel des Projektes ist es, anhand ausgewählter Manuskripte

erstens aufzuzeigen und phänomenologisch angemessen zu beschreiben, was es an solchen nicht-textuellen Schriftspiel-Phänomenen im philosophischen Schaffens- und Aneignungsprozess gibt, sowie empirisch eine Typologie derjenigen schriftbildlichen Artefakte herauszuarbeiten, mit denen und in denen Philosophen denken bzw. ihre Gedanken auf der Schreibfläche „komponieren“;

zweitens zu thematisieren, welche Rolle diese nicht-textuellen Schriftspiele in diesen philosophischen Reflexionsprozessen spielen und in welchem Verhältnis sie zu den textuellen Schriftspielen und zur mündlichen Vermittlung philosophischen Denkens stehen;

drittens der Frage nachzugehen, welche Konsequenzen eine Reflexion auf diese nicht-textuellen Schriftspiele der Philosophie und auf deren epistemische Potenzen für die Philosophie selber hat oder haben könnte. Ob und inwiefern könnten oder sollten bestimmte philosophische Begriffe und bestimmte methodische Selbstverständnisse von Philosophie transformiert werden, wenn man nicht-textuelle Schriftspiele als genuin philosophische Praktiken, als philosophische Denkwerkzeuge und/oder Darstellungsformen anerkennt und analysiert.

 

Curriculum Vitae

Seit 1.11.2008

Postdoc-Stipendiat am Graduiertenkolleg „Schriftbildlichkeit“ an der Freien Universität Berlin

09/10 2008

Stipendiat der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen (Bereich: Literatur) – Aufenthaltsstipendium in der Slowakei

11/2007 - 10/2008

Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachbereich Philosophie der Technischen Universität Chemnitz

Sommersemester 2003 bis Wintersemester 2007/2008

Lehrbeauftragter am Institut für Philosophie der Universität Leipzig, 2006 auch am Institut für Kulturwissenschaft der Universität Leipzig Organisation des Philosophischen Kolloquiums am Institut für Philosophie der Universität Leipzig 2006/2007

06/2002

Promotion an der Fakultät für Sozialwissenschaften und Philosophie der Universität Leipzig („summa cum laude“),
Dissertationsthema: „Buchstaben-Folgen. Schriftlichkeit, Wissenschaft und Heideggers Kritik an der Wissenschaftsideologie“ (erschienen bei: Weilerswist, Velbrück Verlag 2004)

02/2001- 12/2005

Öffentlichkeitsarbeit für Umweltorganisationen

10/1995 - 9/2000

Promotionsstudent im Promotionskolleg „Ambivalenzen der Okzidentalisierung“ beim Zentrum für Höhere Studien der Universität Leipzig, Stipendiat der Hans-Böckler-Stiftung

09/1988 - 09/1995

Studium der Journalistik und Kulturwissenschaften an der Universität Leipzig

 

 

Publikationsliste

Monographien

2004

Buchstaben-Folgen. Schriftlichkeit, Wissenschaft und Heideggers Kritik an der Wissenschaftsideologie, Weilerswist.

Herausgebertätigkeit

2009

mit Bettina Kremberg: Sprache, Kultur, Symbol: Methodenreflexion in der Philosophie, Leipzig.

Aufsätze

2009

„Bilder und Wissen – Iconic Turn in der Philosophie?“ In: Bettina Kremberg, Rainer Totzke (Hg.): Sprache, Kultur, Symbol – Methodenreflexion in der Philosophie, Leipzig.

2005

„Logik, Metaphysik und Gänsefüßchen. Derridas Dekonstruktion im operativen Raum der Schrift“. In: Sybille Krämer, Gernot Grube, Werner Kogge (Hg.): Schrift. Kulturtechnik zwischen Auge, Hand und Maschine, München, S. 171-186.

„Erinnern – Erzählen – Wissen. Was haben (Erfahrungs-)Geschichten mit echtem Wissen zu tun?“ In: Gabi Reinmann (Hg.): Erfahrungswissen erzählbar machen. Narrative Ansätze für Wirtschaft und Schule, Lengerich, S. 19-35.

2004

„Schrift und Wissen. Was die Wissensmanagementtheorie von Platons Schriftkritik lernen kann“. In: Boris Wyssusek (Hg.), Wissensmanagement komplex: Perspektiven und soziale Praxis, Berlin, S. 85 - 101.

2002

„Buchstaben-Folgen: Schriftlichkeit, Wissenschaft, Metaphysik“. In: Dialektik – Zeitschrift für Kulturphilosophie, S. 143 - 164.

1998

„Ambivalonautik der Okzidentalisierung“. In: Dorothea Müller (Hg.): Ambivalenzen der Okzidentalisierung: Zugänge und Zugriffe, Leipzig, S. 35 - 50.

 

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Deutsche Forschungsgemeinschaft
Dahlem Research School