Gemeinschaft als Retrotopia? Zugehörigkeit in Literatur und Videokunst

Das DFG-Projekt Gemeinschaft als Retropia? ist der FSGS assoziiert und läuft seit Oktober 2019. Die Projektleitung und -bearbeitung liegt bei Dr. Agnieszka Hudzik.

Projektskizze

Die komparatistische Studie an der Schnittstelle von Literatur- und Kulturanthropologie untersucht Darstellungen von Gemeinschaften in ausgewählten literarischen Texten und Videoarbeiten im Kontext von Kategorien wie Zugehörigkeit, Anerkennung und Solidarität. Die Gemeinschaft als ein verlorenes Paradies zu betrachten, ist eine tradierte Erzählweise in der philosophischen Reflexion. Ziel der geplanten Monographie ist, theoretische Ansätze mit künstlerischen Auseinandersetzungen zu konfrontieren, um Modelle der Gemeinschaft und Typologie ihrer Darstellungsformen zu durchleuchten. 

Im Zentrum des Interesses stehen Repräsentationen von drei exemplarischen Formen der Gemeinschaft: Stamm, Kunstkollektiv und Kibbuz/Kommune. Sie beinhalten selbstreferenzielle und poetologische Aspekte wie Reflexion über die gemeinschaftsstiftende Rolle des Mythos und der Kunst oder befassen sich mit Verquickungen zwischen Ästhetik und Politik im Allgemeinen. 

Das Korpus bilden die gegenwärtigen Video-Kunstprojekte von Yael Bartana, Zbigniew Libera und dem Duo Joanna Malinowska und C.T. Jasper. Sie sind in bzw. in Bezug auf Polen entstanden, das aufgrund seiner neuesten Geschichte (Solidarność-Bewegung) im Kontext der Überlegungen zu Gemeinschaft eine besonders geeignete Fallstudie ist. Ausschlaggebend für die Auswahl ist die auffällige Intertextualität dieser Arbeiten – sie setzen sich intensiv mit literarischen Texten und Motiven der Gemeinschaft auseinander, die man in den wichtigsten Werken der Weltliteratur des 20. und 21. Jahrhunderts finden kann.

Wie nehmen Literatur und Videokunst – als gleichberechtigte kulturelle Praktiken – am Gemeinschaftsdiskurs teil? Wiederholen/bestätigen/verstärken sie die in der Theorie und aktuellen öffentlichen Debatte bestehenden Narrative oder bieten sie eine Öffnung auf ein anderes Denken der Gemeinschaft an? Kann das Konzept der Retrotopia diese Erzählweisen und Perspektiven umfassen und erklären?

Der Ausgangspunkt des Projekts ist die Verbindung von Literatur und visuellen Medien sowie die Übertragbarkeit und intermediale Bezüge zwischen den beiden Kunstformen. Ich nehme an, literarischer Text und bewegtes (Video)Bild können sich, unter Berücksichtigung medienspezifischer Repräsentations- und Funktionspotenziale, gegenseitig ergänzen und einen differenzierten Einblick in die künstlerischen Gemeinschaftsentwürfe vermitteln. Mithilfe des von Zygmunt Bauman geprägten Begriffs der Retrotopia möchte ich deren Komplexität und das prekäre Verhältnis zu bekannten Darstellungsweisen und historischen Kategorien wie soziale Utopie oder Revolution sondieren. 

Zur Interpretation der Werke werden Ansätze u.a. von Agamben, Bataille, Blanchot, Esposito und Nancy herangezogen, um die die Imaginarien der Gemeinschaft in der Gegenwartskunst und Literatur zu rekonstruieren, was von besonderer Relevanz im Kontext der heutigen Diskussionen um die offene Gesellschaft und Massenmigration ist.

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