Risiko - Experiment - Selbstentwurf. Kleists radikale Poetik

01.12.2011 - 03.12.2011
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Der erstmals von Wilhelm Grimm geäußerte und seither vielfach variierte Verdacht einer besonderen pathologischen Disposition Kleists für Extreme der Gewalt und des Schreckens mag als psychologische Diagnose seine Berechtigung haben, vergibt sich aber die Möglichkeit, aus der Radikalität der poetischen Praxis auf die Radikalität der poetologischen Konzeption zu schließen. Dass es in Kleists Texten so oft um das Äußerste geht, dass seine Figuren das Äußerste wollen und das Äußerste riskieren, und dies auch angesichts ihrer äußersten Gefährdung oder Erniedrigung, weist auf einen Impuls der Unbedingtheit und Radikalität, der auch in der kontroversen Forschungsgeschichte Kleists bislang nicht hinreichend bedacht wurde. Der 200. Todestag Kleists sollte daher Anlass sein, anders als dies bisher geschehen ist und stärker als die verschiedenen für das Kleistjahr geplanten Tagungen, die vor allem systematische, biographische, politische, wissens- und literarhistorische Fragestellungen ins Auge fassen, nicht so sehr nach den Erscheinungsformen und der Systematik der radikalen Poetik Kleists zu fragen, sondern nach ihren poetologischen Implikationen.

Dass Kleists Werk vor dem Hintergrund der Sattelzeit und der damit verbundenen Umbrüche des sozialen Lebens und der politischen Verhältnisse zu verstehen ist, dürfte unstrittig sein. Für den jungen Kadetten, einen Kindersoldaten fast, muss die gleichzeitige Erfahrung des Erdbebens der Französischen Revolution und des Drills der starrsinnigen preußischen Militäraristokratie kaum zu bewältigen gewesen sein. Die epistemische Grundlegung - und Irritation ("Kantkrise") - eines neuen Denkes ohne den sicheren Boden einer letzte Wahrheiten verbürgenden Instanz sowie das gewaltige Unternehmen einer anthropologischen Neubestimmung des Menschen, der sich 'ohne Leitung eines anderen' zu Mündigkeit, zu staatsbürgerlicher Courage und zur Integration in eine für alle verbindliche Ordnung bereit findet, sind die großen Fragen der Sattelzeit, die auch Kleists Texten ihr besonderes Profil geben. ...

 

Zeit & Ort

01.12.2011 - 03.12.2011

Seminarzentrum der Freien Universität Berlin, Habelschwerdter Allee 45, 14195 Berlin