Poetiken des Pazifiks

Pazifikismus BIld
Tagungsband

1. Deutsch-Asiatischer Studientag Literaturwissenschaft

   

Japanisch-Deutsches Zentrum Berlin, 24.-25. Juli 2015

   

Konzeption und Organisation: Johannes Görbert (Berlin), Stefan Keppler-Tasaki (Tokyo-Todai), Thomas Schwarz (Tokyo-Rikkyo)

  

TAGUNGSBAND

Görbert, Johannes / Kumekawa, Mario / Schwarz, Thomas (Hg.): Pazifikismus. Poetiken des Stillen Ozeans. Würzburg: Königshausen & Neumann 2017 (Rezeptionskulturen in Literatur und Mediengeschichte 8).

    

ABSTRACT

Das „wichtigste kosmische Ereigniß“ im Zeitalter der Entdeckungen, so hat Alexander von Humboldt die europäische Erschließung des Pazifiks genannt. In Fortsetzung der Veranstaltung Pazifikismus. Die diskursive Konstruktion des Pazifiks, die am 7. und 8. Juli 2014 an der Rikkyo University in Tokyo stattgefunden hat, untersuchen die Studientage am Japanisch-Deutschen Zentrum in Berlin die sozio-imaginäre Grundlage ‚westlicher‘ Wissensbestände zum ‚Stillen Ozean‘, die Fiktionalisierung pazifikbezogener Kenntnisse sowie Annahmen zur Weltregion in verschiedenen künstlerischen Medien wie Literatur und Malerei, Fotografie und Film. 

Der Pazifik hat sich vom Beginn seiner europäischen Erkundung an als ein Raum erwiesen, der Zeichen gegen imperiale Zugriffsversuche setzte. Zwei der wichtigsten ‚Entdecker’, Magellan und Cook, fanden hier den gewaltsamen Tod, was literarische Aufarbeitungen bis ins Werk von Stefan Zweig und zuletzt in Lukas Hartmanns Roman Bis ans Ende der Meere (2009) provoziert hat. Die amerikanische Expansion im Nordpazifik war in ihren Anfängen zum einen vom Walfang geprägt, wie ihn Melville in Moby Dick; or, The Wale (1851) als menschliche Grenzerfahrung gedeutet hat, zum anderen von der beharrlichen Eigenlogik Japans, das sich der internationalen Umwelt zunächst verschloss, dann aber in Kooperation und Konflikt mit den USA zum Ausgangspunkt einer spezifisch asiatischen Variante von Modernisierung wurde. 

Mit der kolonialen Gewaltgeschichte vor allem des Südpazifiks und ihren Reaktionsketten von Eroberungen, Aufständen und Strafexpeditionen kontrastiert der Diskurs über den Pazifik als „Lustgarten“, der europäische Auswanderungsphantasien auf sich zieht, und als ein Raum der Hybridisierung, in dem sich neue kulturelle Synthesen abzeichnen. Für das eine stehen z.B. poetische Imaginationen Tahitis wie von Bougainville (1771), Forster (1777), Zachariä (1778) und Boutwerwek (1792), für das andere z.B. die auf Englisch verfassten Bücher des chinesischen Philosophen Gu Hongming, der in Edinburgh und Leipzig studiert hatte, später an der Universität Peking und in Japan lehrte. Chinas Verteidigung gegen europäische Ideen (1911) und Der Geist des chinesischen Volkes und der Ausweg aus dem Krieg (1916) titeln die zu ihrer Zeit populären deutschen Übersetzungen dieser Werke, die kritisch auch auf Japan eingehen und Schritte aus dem Weltkrieg in eine (von China mitgeprägte) Weltkultur beschreiben. 

Der ‚Westen‘ kultivierte nicht allein ein statisches ‚Bild‘ vom Pazifikgebiet und seinen Anrainern, sondern modifizierte dieses in Beobachtungen. Dies wurde durch das Kriegsgeschehen und die Großmachtpolitiken besonders seit 1904 (Russisch-Japanischer Krieg) und 1905 (japanische Annexion Koreas) verstärkt notwendig und namentlich durch diplomatische Vertretungen, durch Auslandskorrespondenzen sowie durch akademischen Austausch zunehmend auch möglich. Diese politischen Prozesse verschränken sich eng mit zentralen Unternehmungen und Ergebnissen der Naturwissenschaften: Geographie, Kartographie, Geologie, Astronomie, Botanik, Zoologie und Klimatologie, schließlich auch von Kulturwissenschaften wie der modernen Anthropologie. Der Pazifik fungiert seit dem „Zeitalter der Entdeckungen“ gerade auch als Labor und Prüfstein für die Effektivität der modernen (Natur-)Wissenschaften. Im Hinblick auf die Beschreibung des ‚Pazifischen Feuerrings‘ (d.h. des Vulkangürtels um den Pazifik), auf die Erforschung von Plattentektonik, Erdbeben, Tsunamis und sich wandelnden Ökosystemen gilt dies durch das 20. Jahrhundert hindurch bis in die Gegenwart. Die Poetiken des Pazifiks verarbeiten dieses Wissen von den großen Reiseberichten über einen stilbildenden Roman wie H.G. Wells’ The Island of Dr. Moreau (1896) bis hin zu den notorischen Godzilla-Filmen. Derartigen sozio-imaginären Kräften hinter den scheinbar ‚harten‘ Wissenschaften und der Fiktionalisierung wissenschaftlicher Modelle und Kenntnisstände gilt ein Schwerpunkt der Studientage. Die Fukushima-Diskussion, in der sich teils älteste Muster einer perhorreszierenden Fremdwahrnehmung reproduzieren und rationalisieren, ist auf diesem Themengebiet ein letzter Höhepunkt. Von einer solchen neoorientalistischen Herangehensweise unterscheidet sich zum Beispiel Yoko Tawadas interkulturelle Poetik aus dem Jahr 2012, Indem sie betont, dass „fremde Wasser“ an die Küsten diesseits und jenseits aller Meere branden, schärft sie auch das Bewusstsein für den Pazifik als einer ökologisch kohärenten Zone. 

Ziel der Veranstaltung ist eine Rekonstruktion der historischen Diskussionen und Imaginationen des Pazifiks als einer geohistorischen Einheit, die neben kolonialen bzw. imperialen Interessen und (neu-)romantischen exotischen Sehnsüchten immer stärker auch europäische Ängste vor einer alternativen Zukunft im Zeichen etwa des „Rimspeak“ der USA oder des Booms asiatischer Staaten auf sich gezogen hat: vor einer neuen Mitte der Machtkonzentrationen, der Handelsbeziehungen und der Kultursynthesen, in der sich der Globus der Moderne jenseits des alten Europas schließt.

 

  

PROGRAMM

Donnerstag, den 23.7.2015

Zeit Sektion Referent Thema
12:00-13:00 Anmeldung    
13:00-13:15 Grußworte

Friederike Bosse

Irmela Hijiya-Kirschnereit

 
13:15-13:45 Eröffnung Stefan Keppler-Tasaki Der Pazifik in den Beziehungen zwischen den USA, Japan und China
Johannes Görbert Der Pazifik in Literatur und (Natur-) Wissenschaft
Tomas Sommadossi Der Pazifik in Film und (Musik-)Theater
13:45-14:00 Pause    
14:00-14:45 Keynote 1
Christiane Weller
Thomas Schwarz Die Barbaren des Pazifiks. Lukas Hartmanns Pazifik-Roman Bis ans Ende der Meere (2009)
14:45-15:15 Pause    
15:15-16:45 Künstler-Reisen im Pazifik
Keiko Hamazaki
Nana Badenberg Licht und Schatten der Südsee. Expressionistische Künstler und die Inselwelt des Pazifiks (Pechstein / Nolde)
Ulrike Stamm Die Südsee in der Perspektive Alma Karlins
Christine Eickenboom Elisabeth Reicharts Roman Das vergessene Lächeln der Amaterasu (1998)
16:45-17:15 Pause    
17:15-18:00 Keynote 2
Tara Beaney
Matthias N. Lorenz „Au weia. Kein Frühstück ohne Papaya.“ Ozeanische Reisen bei Christian Kracht, Hans Christoph Buch und Ernst Jünger
18:00-18:15 Pause    
18:15-19:45 Lesung
Tara Beaney
Hans Christoph Buch Nolde und ich
19:45-20:45 Abendessen    

 

Freitag, den 24.7.2015

Zeit Sektion / Moderation Referent Titel
9:00-11:00 Pazifische Heterotopien
Markus Joch
Lars Eckstein / Helmut Peitsch / Anja Schwarz Tupaias Karte bei Cook, Banks, Pickersgill und den Forsters. Epistemische Herausforderungen und postkoloniale Perspektiven im Pazifik
Arne Klawitter Otaheiti und die europäische Kulturkritik des 18. Jahrhunderts
Lore Knapp Zachariäs Gedicht Tayti oder Die glückliche Insel
11:00-11:30 Pause    
11:30-13:00 Der Pazifik als Abenteuer
Moe Goto
Chunjie Zhang Krusoe Robinson’s Adventure: Technology of the Self and Double Consciousness
Melanie Lörke Wie man über den Wal erzählt: Narratologie in der Schule
Thomas von Pluto „Einen richtigen Südseeroman hatte ich vor.” Erich Kästners Verhältnis zum Exotismus
13:00-14:00 Mittagessen    
14:00-15:30 Polarisierung, Krieg, Exil
Kai Köhler
Hanna Hofmann “no place for such beasts“. Japan, China und die Pole im europäischen Diskurs um 1900
Kyungboon Lee Auch eine pazifische Heterotopie? – Die Funktion der Musik in den japanischen Kriegsgefangenenlagern
Thomas Pekar Der Pazifik als Exilort. Das Beispiel der Pazifischen Presse (1942-1948)
15:30-16:00 Pause    
16:00-17:30 Pazifik-Filme
Stefan Keppler-Tasaki
Manuel Koeppen Stationen der Wiederverzauberung. Der filmische Südsee-Diskurs
Dieter Merlin In weiter Ferne so nah. Didaktische Skizzen zu F.W. Murnaus letztem Spielfilm TABU (1931)
Mario Kumekawa Der ‚Pacific Rim’ als radioaktive Zone. Zur Aktualität des Godzilla-Mythos
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