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Anthropologische Differenz im Naturdokumentarfilm

Ziel des Teilprojekts ist eine Untersuchung der filmischen Naturkonzepte und Tierdarstellungen als Figurationen von Differenz. Vor diesem Hintergrund bezieht sich das Teilprojekt vor allem auf die anthropologische Differenz, deren bisherige Behandlung als Einzeldifferenz (Mensch-Tier-Beziehung) erweitert wird. Es werden vielmehr Figurationen untersucht, die jeweilige Einzeldiffererenzen erst hervorbringen. So wird von der These ausgegangen, dass Filmtiere und die im Modus des Dokumentarischen modellierten Gefühlsinszenierungen der Filme unsere Vorstellung vom Tier, von der ‚Natur‘ ebenso wie ‚Menschenbilder’ und Weltanschauungen generieren. Gängiges Wissen von Tieren und Vorstellungen einer gesellschaftlichen Koexistenz der Arten sind stets Teil eines medialen Erfahrungshorizonts. Der Naturdokumentarfilm erscheint in diesem Zusammenhang als Rahmen, der diese Ordnungen überhaupt erst aus der sinnlichen Erfahrung des audiovisuellen Textes entstehen lässt.

Im Rahmen des Teilprojekts werden neuere Naturdokumentarfilme seit 2000 im Hinblick auf die mediale Verfasstheit von Differenzfigurationen analysiert. Im ersten Schritt soll eine Bestandsaufnahme von aktuellen Produktionen erfolgen, in denen Konstruktionen der anthropologischen Differenz eng mit Konstruktionen der Natur/Kultur-Differenz verwoben sind. Einbezogen werden dabei sowohl Filme des Massenkinos (z.B. LES PEUPLE MIGRATEUR, 2001 oder DAS GRÜNE WUNDER, 2012) als auch anthropomorphisierend-fiktionalisierende Filme (z.B. AFRICAN CATS, 2011 oder BEARS, 2014), in denen die ästhetische Erfahrung von filmischer Natur gegenüber einer Objektivierung in Form von naturwissenschaftlichen Modellen privilegiert wird (Blum 2014). Zu untersuchen sind in einem zweiten Schritt spezifisch dokumentarfilmische Konzepte vor allem der Publikumsadressierung, Naturdarstellung, Authentizitätsbehauptung und Verhandlung von Ökologie. Auch sollen die Inszenierungen filmischer Vorstellungen von Natur und Tier als komplexe Figurationen von Differenz erforscht werden. Es wird davon ausgegangen, dass Dokumentarfilme die Trennung zwischen Tier und Mensch, zwischen Kultur und Natur ebenso wie weitere Differenzen nicht in einem einfachen Sinne repräsentieren, sondern sie als je zeitgenössisches Ideologem audiovisuell ins Werk setzen. Das dokumentarfilmische Mehrwertversprechen einer objektiven Bezugnahme auf die verschiedenen Spezies ist deshalb als basale metaphysische und politische Operation verstehbar (Agamben 2003), die die Begriffe Mensch und Tier erst herstellt, als Kultur bzw. Natur ausweist, an gesellschaftliche Diskurse anschließt und darin prozessiert. Ansätze zur näheren Korpusbestimmung bestehen somit etwa in dem gängigen Possessivpronomen „unser“ deutscher Verleihtitel (z.B. UNSERE ERDE, UNSERE OZEANE, UNSER WALD, UNSER LEBEN) mit ihrer Anrufung einer Vergesellschaftung bzw. Kontinuität natürlicher Ordnungen sowie der Frage, in welches „wir“ das Publikum inkludiert wird.