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Strukturalistische Narratologie

Strukturalistische Narratologie

Die meisten Narratologen verweisen in ihren Arbeiten explizit auf Propps Vorarbeit und nennen ihn den Vater aller späteren Studien. In Abgrenzung zu ihm finden die nachfolgenden Strukturalisten, vor allem die französischen, zu ihren Methoden.
Für die beiden Betrachtungsebenen (des Inhalts und der Darstellung) hat Tzvetan Todorov aus der Linguistik Begriffe entlehnt, die bis heute weitgehende Gültigkeit haben. Die strukturelle (!) Inhaltsseite ist die ‚histoire‘, die Darstellung der ‚discours‘. Ausgehend von der Existenz einer Universalgrammatik vermutet Todorov, daß sich ebenso eine narrative Grammatik feststellen läßt: „En pratique, nous chercherons à établir la structure du discours narratif en lui donnant la forme d’une grammaire, telle qu’on la connaît dans la tradition européenne classique.“Todorov (1969), S. 16. Eine ganze Reihe seiner Beobachtungen ist sehr interessant und wichtig, doch insgesamt blieb die Suche nach einer narrativen Universalgrammatik ergebnislos. Eine Übertragung der linguistischen Satzanalyse auf literarische Texte bewirkt deren Aufspaltung in derart kleine Einheiten, daß kaum mehr allgemeingültige, konkretisierbare, sondern nur noch äußerst abstrakte Aussagen über sie möglich werden. Das scheint auch Todorov klar geworden zu sein, denn seine späteren Analysen gehen sehr viel behutsamer vor und kommen deshalb zu anwendbareren Ergebnissen. In einem Aufsatz von 1973 stellt Todorov anhand der Decameron-Novelle III,6 zwei Prinzipien des Erzählens heraus: die Sukzession (d. h. die zeitliche Komponente) und die Transformation (d. h. die logische Komponente). Er unterscheidet darauf aufbauend zwischen zwei Typen von Erzählung, dem mythologischen und dem gnoseologischen Typus, welchem die Boccaccio-Novelle entspricht: „[...] Erzählungen, in denen die Bedeutung des Ereignisses geringer ist als die Bedeutung der Perzeption, die wir von ihm haben, geringer ist als der Grad der Kenntnis, den wir von ihm besitzen [...].“ Todorov (1973), S. 128. Der ideologische Typ wird außer Acht gelassen. Damit hat Todorov ein entscheidendes Merkmal von Erzählungen herausgearbeitet. Das ‚was‘ (inhaltliche Seite, der Plot) ist meist sehr schnell zu erfassen und im Wesentlichen bekannt, entscheidend ist das ‚wie‘ der Perzeption. Wieder aber krankt seine Darstellung an zu hoher Abstraktion. Erzählungen werden auf einfache Formeln reduziert, deren Anwendbarkeit für Analysen sehr eingeschränkt bleibt.