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Grundlagen

Grundlagen

Nachdem Peter den Geburtstagskuchen von seiner Schwester Anna nachts halb aufgegessen hat, plagt ihn sein schlechtes Gewissen: Er schenkt ihr am Abend einen Kinobesuch. Als sie nach Hause kommen, ist Frau Anderson schon ganz neugierig: „Na, wie war der Film?“, fragt sie. „Spannend“, antwortet Anna aufgeregt, „es ist so viel auf einmal passiert, dass man bis zum Schluss nicht wusste, wie die Sache ausgeht!“ Peter schleicht in der Zwischenzeit schon wieder bedenklich nahe am Kühlschrank herum, in dem seine Mutter die spärlichen Reste des Kuchens aufbewahrt hat. Schon hat er ein neues Stück im Mund und murmelt: „Ja, vor allem hat der Typ Jahre gebraucht, um den Mörder zu finden!“ „Das stimmt doch gar nicht“, schaltet Anna sich ein, die nicht nur wegen des Kuchenstücks in Peters Mund auf einmal etwas verstimmt wirkt, „das hat er doch geträumt!“ „Kann sein“, antwortet Peter satt und müde, „aber auf jeden Fall fand ich seine Sicht der Dinge richtig und nicht die des Richters.“ Frau Anderson ist verwirrt: „Also, wovon handelte denn die Geschichte nun eigentlich?“, fragt sie, während sie Peter den Kuchenteller aus der Hand nimmt und ihn zurück in den Kühlschrank stellt. „Also, am Anfang sah man nur eine Pistole in einem See versinken. Da war natürlich klar, dass ein Mord begangen worden war…“ Peter fallen am Küchentisch die Augen zu und Annas Stimme wird immer leiser.

Peter und Anna waren im Kino und wissen ihrer Mutter einiges von dem Film zu berichten. Sie sind sich darüber einig, dass der Film spannend war, vieles auf einmal passiert ist und wer der Held der filmischen Erzählung gewesen ist. Aber anscheinend gibt es auch einige Unstimmigkeiten: Hat der Held nur geträumt oder waren es die Erinnerungen des Helden, von denen berichtet wurde? Wessen Meinung ist im Gerichtssaal die richtige gewesen und aus wessen erzählerischer Perspektive wurde diese Meinung oder Sichtweise vermittelt? Und warum ist am Anfang des Films für Anna klar gewesen, dass es einen Mord gegeben haben muss, wenn sie doch nur eine versinkende Pistole im See gesehen hat?
Diese Fragen lassen sich mithilfe der filmnarratologischen Analyse beantworten. Die Peter-Geschichte wird in den folgenden Abschnitten helfen, Aspekte des filmischen Erzählens aufzuzeigen. Dabei werden selbstverständlich nicht sämtliche Formen filmischen Erzählens abgedeckt. Anhand des Beispiels wird jedoch deutlich, wie Erzählen im Film generell funktionieren kann und wie mit den wichtigsten Begriffen umzugehen ist. Dazu ist es allerdings wichtig, sich zunächst die Mikrostruktur des Zeichensystems Film anzuschauen: das filmische Zeichen.