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Filmische Erzählung II

 

In einem Punkt sind sich Anna und Peter uneinig: Hat der Held die lange Jagd nach dem Mörder nur geträumt oder ist es tatsächlich so, dass er schon seit Jahren seine Spur verfolgt? Wir wissen zu wenig über den Film, als dass wir es eindeutig sagen könnten. Aber es ist möglich, dass der Held in einer ruhigen Minute an seine Zeit vor dem Einsetzen der Basiserzählung denkt. Dann verschwimmt das Bild, es gibt eine so genannte Überblende oder Abblende zum nächsten Bild. Genauso gut kann es sein, dass der Held einschläft und träumt. Oft verändert sich der Ton, die Stimmen der Figuren im Traum sind leise oder verhallen und die Bewegungen sind in Slow-MotionVerlangsamung der Bildabfolge durch Änderung der Abspielgeschwindigkeit gezeigt. Meistens kann der Zuschauer aus dem Kontext heraus erschließen, ob es sich um einen Traum oder eine Retrospektive handelt. Geht es – wie in unserem Beispiel – um einen Polizisten, der einen Mörder sucht, ist es wahrscheinlich, dass es sich um eine Rückschau, den so genannten flash-back, handelt. Wird hingegen versucht, die Psyche einer Figur näher zu beleuchten, handelt es sich meistens um einen Traum. Weitere Puzzlestücke der filmischen Erzählinstanz sind also wieder die variablen Möglichkeiten des Schnitts, der heutzutage mithilfe der digitalen Bildbearbeitung eine Schnittstelle von einer Zeit in eine andere erzählte Zeit markiert (Abblende oder Überblende) oder eine Slow-Motion erzeugen kann und der Ton, bzw. die Lautstärkeregelung, mit dessen Hilfe es gelingt, gewisse Effekte wie Traum, Schwindel oder psychische Labilität zu erzeugen.
Für Peter ist klar, der „Typ“, von dem wir annehmen, dass er Polizist ist, hat den richtigen Standpunkt (im Sinne von Meinung) und bei der Verurteilung des Mörders irrt sich der Richter. Vielleicht spricht dieser ihn aus Mangel an Beweisen frei oder er bekommt nicht die Strafe, die der Polizist – und Peter – für angemessen halten. Wie kommt es, dass Peter so uneingeschränkt Partei für den Polizisten ergreift? In der Lerneinheit „Modus“ wurden schon die Möglichkeiten der Perspektive und der dazugehörigen Fokalisierung einer Figur expliziert, die im Film hauptsächlich über das Kameraverhalten gesteuert wird. So ist die Wahl der Kameraperspektive eines der wesentlichsten Merkmale filmischen Erzählens im Hinblick auf die Modi der filmischen Erzählung. Mit der Wahl eines bestimmten Blickwinkels kann die Identifikation mit einer Figur erzeugt, der erzählte Raum abgesteckt oder auch eine bestimmte Erzähl-Geschwindigkeit erzielt werden. Man spricht entweder von der subjektiven oder objektiven Kamera. Die erstere vermittelt den Eindruck, der Zuschauer sieht mit den Augen einer bestimmten Figur. Diese Form der Kameraperspektive wird auch Point of View (POV) genannt. Die zweite, objektive Kamera meint eine Kameraperspektive, die einen (scheinbar) neutralen Standpunkt einnimmt. Der gesamte Film, den Peter gesehen hat, ist anscheinend aus ‚der Sicht‘ des Helden erzählt. Man kann sich vorstellen, dass während einer Fluchtszene die Kamera entweder hinter dem Rücken des Polizisten ‚herlief‘ oder Peter sogar mit den Augen des Polizisten den Mörder verfolgte. Weiterhin ist es möglich, dass der Mörder irgendwann am Boden lag, und der Polizist über ihm stand, um ihn zu verhaften. Dann würden Regisseur bzw. Kameramann – bei einem ‚klassisch‘ erzählten Hollywoodfilm – die Vogelperspektive wählen, die aus der Sicht des Helden von oben agiert, während der Mörder klein am Boden liegend seinen Verfolger aus der Froschperspektive sieht. Es ist offensichtlich, dass bei der Wahl der rein technischen Kameraperspektive auch eine Wahl der ideologischen Perspektive (‚Ideologie‘ meint hier eine bestimmte Idee und ist nicht an eine soziologische bzw. politische Definition gebunden) gewählt wird, die bei Genette zum Bereich der Person des Erzählers gehört. Mit der Kamera, eines der ‚stummsten‘ Komponenten der narrativen Instanz des Films, liegt ausgerechnet ein sehr direkter Verweis auf eine erzählerische Stimme im Film vor, der weiter unten noch einmal aufgegriffen wird.
Eine Komponente des filmischen Erzählers ist so offensichtlich, dass man sie fast übersehen könnte: der Schauspieler bzw. die Figur im Film, die der Schauspieler darstellt. Über ihn wird der POV der Kamera transportiert, er ist es, der teilweise selbst sieht oder gesehen wird. Die Analogie zum literarischen Protagonisten liegt hier nahe und tatsächlich können in Verbindung mit der Kamera seine Fokalisierungen und Perspektiven transportiert werden.
Die Voice-Over-Narration als Teil der narrativen Instanz ist aufgrund ihrer anthropomorphen Beschaffenheit schon oft mit dem einzigen Erzähler des Films verwechselt worden. Aber die VON stellt ebenfalls nur eine Komponente des filmischen Erzählers dar, ansonsten hätten Filme, die keine VON aufweisen, ja überhaupt keinen Erzähler.