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Filmische Geschichte

Filmische Geschichte

In der Lerneinheit „Narratologische Analyse“ wurde bereits auf Barthes’ Kategorien zur Segmentierung einer Handlung eingegangen. Hier werden lediglich Kerne bzw. Kardinalfunktionen und Indizien aufgegriffen, um die Segmentierung der filmischen Geschichte vorzuführen. Zur Erinnerung: Die Funktionen einer Erzählung unterteilen sich in distributionelle und integrative Erzähleinheiten. Aufgrund der vorliegenden schriftlich-linearen Voraussetzungen ist es möglich, diese beiden Einheiten getrennt von einander zu segmentieren. Im Film selbst fallen allerdings distributionelle und integrative Einheiten mit ihren Kernen und Indizien zusammen, denn innerhalb einer Handlungseinheit können Kerne sowohl indiziell sein als auch eine kardinale Funktion haben. Wie auf der kleinsten Ebene, dem filmischen Zeichen, ist auch hier wieder Gleichzeitigkeit ein wesentliches Merkmal filmischen Erzählens.
Im folgenden Beispiel, welches sich an der Peter-Geschichte orientiert, bildet die erste Szene eine Handlungseinheit (Handlungseinheiten können, müssen aber nicht mit Szenen oder Sequenzen harmonieren), dabei wird bei der Analyse der Handlungseinheit in Kameraeinstellungen zitiert:

Die Pistole kommt ins Bild, man sieht eine Hand, die sie hält und dann in den See wirft. Die Pistole geht langsam im See unter.

Bei einer Segmentierung liegt die Frage nahe: Welches Segment ist es nach Barthes, das eine „für den Fortgang der Geschichte folgentragende Alternative eröffnet“ (Barthes, S. 113), so wie es Aufgabe des Kernes einer Handlungsfolge sein soll? Ist es schon die Einstellung, in der die Pistole zu sehen ist oder erst diejenige, in der die Pistole in den See geworfen wird? Hier wird deutlich, dass der Film auf Zeichenebene nicht nur als Bedeutungskontinuum zu verstehen ist, sondern auf narrativer Ebene auch als Ereigniskontinuum: Es ist kaum voneinander zu unterscheiden, wo der eigentliche Kern der Handlung beginnt und aufhört. Denn womöglich ist in der Einstellung, in der die Hand zu sehen ist, schon der See im Hintergrund, in dem die Pistole sogleich versinken wird usw. Im vorherigen Abschnitt zum filmischen Zeichen wurde schon von der unendlichen Fülle von Informationen gesprochen, die ein filmisches Bild enthalten kann. Nun wird deutlich, wie sich diese Voraussetzungen auf die Analyse der filmischen Geschichte auswirken.
Es lässt sich in diesem Fall allerdings argumentieren, dass erst die Tatsache, dass die Pistole im See versinkt, eine Konsequenz für den Fortgang der Geschichte hat und deshalb den eigentlichen einen Kern der Handlungseinheit bildet. Pistole, Hand und See können in diesem Fall aber auch Indizien sein, denn diese unterstützen die Handlung nach Barthes atmosphärisch, emotional oder charakteristisch (vgl. Barthes, S. 114) und rufen so die Konnotation „Mord“ beim Zuschauer wach:

Die Pistole (a) kommt ins Bild, man sieht eine Hand (b), die sie hält und dann in den See (c) wirft. Die Pistole (a) geht langsam im See (c) unter (A).

Daraus würde sich der Kern A mit den angelagerten Indizien abc ergeben:
(a – b – c – a – c) – A.

Eine schriftlich ausformulierte Analyse dieser Handlungseinheit würde sich wie folgt gestalten:
Eine Pistole wird in einen See geworfen und versinkt darin, was zur Folge hat, dass die Pistole als Mordwaffe schwer auffindbar ist. Die letzte Einstellung ist daher als Kern der Handlungseinheit XY zu verstehen. Dabei weist die Pistole gleichzeitig als metonymisches Indiz darauf hin, dass es einen Mord gegeben hat usw.
Bei einer vollständigen Analyse eines Spielfilms empfiehlt es sich, größere Abschnitte von Handlungsfolgen und deren Kerne zu bilden. Die Indizien würden dann innerhalb der Handlungseinheiten herausgefiltert und auf ihre Funktion als Indiz hin überprüft werden. In diesem Beispiel wäre die Pistole ein wesentlich funktionaleres Indiz als der See oder die Hand, die eher Teile der Handlungseinheit an sich sind. Allgemein lässt sich sagen, dass ein Film eine hochgradig indizielle Erzählung ist.