Springe direkt zu Inhalt

Repetitive Erzählung

Repetitive Erzählung

Zeitleiste

Bei den repetitiven Erzählungen, die im Folgenden auch Gegenstand der fünf Beispielanalysen aus „Jackie Brown“ sind und in ihrem anachronen Charakter den Analepsen nahe stehen, kann ebenfalls sowohl auf visueller als auch auf auditiver Ebene n-mal erzählt werden, was einmal passiert ist (vgl. S. 82). Dabei ist es möglich, ein Geschehen aus verschiedenen Perspektiven mehrmals zu erzählen:

1. Eine erste Wiederholung dessen, was einmal passiert ist, findet in der Analepse statt, die in dieser Analyse die Nr. 1 trägt. Max erzählt Jackie, wie er sie aus dem Gefängnis abgeholt und nach Hause gebracht hat. Die erste Szene dieses flash-backs – das Abholen aus dem Gefängnis – wird nun noch einmal erzählt. Diesmal steht die Kamera allerdings nicht hinter Max und vermittelt seine Perspektive sondern bleibt bei Jackie, die ihrerseits den Kautionshelfer zum ersten Mal trifft.

2. Eine zweite repetitive Erzählung ist bereits in der 4. Analepse kurz erwähnt worden: Jackie trifft sich mit dem Polizisten Ray zum Essen. Vor dem Schnitt hin zu einer Art Prolepse, in der das Gespräch zwischen den beiden von Jackie vor Max wiederholt wird, fällt der Satz von Jackie: „Alles wie geplant, bis auf eine Kleinigkeit“. Dieser wird wenig später wiederholt, wenn der Schnitt analeptisch zurück auf Jackie und Ray im Restaurant geht. Durch diese Wiederholung wird die nachfolgende Information von Jackie betont: Sie macht Ray weis, dass Ordell „kalte Füße“ bekommen habe und dass sie deswegen statt 10.000 Dollar 50.000 Dollar von Mexiko nach Kalifornien schmuggelt. Mit diesem Trick schafft sie es, den Polizisten für sich einzunehmen und ihren eigenen Plan zu abzusichern.
Die dritte und vierte repetitive Erzählung nimmt einen relativ komplexen Charakter ein und wurde schon in der Zeitleiste zur fünften und sechsten Analepse berücksichtigt. Diese wird unten noch einmal aufgeführt, diesmal sind die repetitiven Elemente kursiv unterlegt. Hier dient sowohl Jackies Perspektive in Bezug auf Louis als Basiserzählung als auch Jackie und Louis’ Perspektive in Bezug auf Max. Denn das repetitive Erzählen kann wie die Analepse oder Prolepse immer nur in Bezug zu einer Basiserzählung definiert werden.

3. Das dritte repetitive Element grenzt zeitlich an die fünfte Analepse unserer Analyse: Die ‚richtige‘ Geldübergabe in der Del Amo-Mall wird in der ersten Wiederholung aus Louis’ Sicht erzählt. Dabei bildet der Dialog zwischen Jackie und der Verkäuferin bezüglich des Anzuges, den Jackie kauft, das eigentlich repetitive Element. Auf der Zeitleiste findet der Dialog um circa 4.15 Uhr statt, der Gruß von Louis kurz danach, während Melanie in der Kabine ist.

4. Die zweite Wiederholung grenzt an die sechste Analepse unserer Analyse: Um 4.04 Uhr kommt Max bereits in der Del Amo-Mall an, d. h. noch vor Louis und Melanie, aber nach Jackie. Er verfolgt, in dem Modegeschäft angekommen, ebenfalls das Gespräch zwischen Jackie und der Verkäuferin, sieht zudem Louis und Melanie kommen und grüßt Louis „noch einmal“, während Melanie in der Kabine ist. Aber das ist noch nicht alles: Als Jackie dann aus der Kabine kommt, sieht er sie bezahlen und wegeilen, ein Aspekt, der ebenfalls in Jackies Perspektive bereits erzählt wurde. Die wesentlichen repetitiven Elemente sind also der Dialog Jackies mit der Verkäuferin, die Ankunft von Melanie und Louis, der Gruß an Louis und die Bezahlung des Anzuges.

5. Ein letztes repetitives Erzählen erfolgt nur über den auditiven Kanal: Am Schluss des Films wird der Song „Across 11th Street“ von Bobby Womack wiederholt, der schon am Anfang des Films die Handlung und Jackie Brown als Figur eingeleitet hat. Das Wiederholen von Musik hat vor allem als das so genannte Leitmotivdramaturgischer Einsatz eines bestimmten Liedes oder einer bestimmten Melodie narrative Funktion und strukturiert die filmische Erzählung auf Ebene der Geschichte. Ebenso können Lieder den kulturellen Code des Zuschauers aktivieren, so dass er – wie es im Fall von Jackie Brown der Fall ist – die Figuren bestimmten historischen Zeitabschnitten mit ihren spezifischen Diskursen zuordnet.