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Stimme

Stimme der filmischen Erzählung

Die narrative Instanz einer filmischen Erzählung ist während der gesamten Lerneinheit „Filmnarratologie“ von Bedeutung gewesen, auch wenn sie meist als Instrument für die Erklärung anderer narrativer Phänomene diente. In der Lerneinheit „Grundlagen“ der Filmnarratologie wurden bereits die Komponenten des kinematographischen Codes ausführlich erläutert und mit Hilfe eines Organigramms zusammengefasst. Dann halfen diese Komponenten, Zeit und Modus der filmischen Erzählung zu bestimmen. In dieser – abschließenden – Lerneinheit wird es nun darum gehen, die narrative Instanz des Films selbst anzuschauen und sie mit all ihren Facetten zu bestimmen. Dabei werden die „Zeit der Narration“, Gérard Genette: Die Erzählung, 2. Auflage. München 1998, S. 153. Im Folgenden wird aus diesem Werk nur mit Seitenangabe zitiert. die „Narrative[n] Ebenen“ (S. 162) und die „Person“ (S. 174) der narrativen Instanz mit ihren „Funktionen“ (S. 183) für den Film bestimmt und wenn möglich an das audiovisuelle Zeichensystem Film angepasst. Denn wie schon bei der Zeit und dem Modus der filmischen Erzählung ist es bei der narrativen Instanz notwendig, sich immer wieder zu vergegenwärtigen, dass der Film mit anderen Mitteln erzählt als die Literatur. Die Genetteschen Kategorien der „Stimme“ (S. 151ff.), also der Ebene der filmischen Narration, müssen unter diesen neuen Voraussetzungen betrachtet werden.

Eine grundlegende Umorientierung bildet z. B. die Tatsache, dass der Film mit seinen beiden Kanälen, dem auditiven und dem visuellen, viele Dinge auf einmal erzählen kann und diese oft in ihrer jeweiligen Narration Bezug aufeinander nehmen. Das hat zur Konsequenz, dass die schon für die Literaturwissenschaft oft gestellte Frage, ob es nicht doch mehrere Erzähler geben kann, die auf der gleichen Ebene eine Geschichte erzählen, in Bezug auf das filmische Erzählen an Dringlichkeit gewinnt. Da der Film mit vielen verschiedenen Komponenten gleichzeitig erzählt (Kamera, Figuren, Musik, Montage, VON etc.) liegt es nahe zu fragen, ob diese verschiedenen Komponenten Teile einer narrativen Instanz sind oder ob sie nicht doch verschiedene Erzähler sind, die sogar in der Lage sind, verschiedenes (womöglich sogar gleichzeitig) zu erzählen. Genette verneint diese Frage nach einem Erzählerwechsel für den literarischen Erzähler (vgl. S. 176), hält es aber in Bezug auf die Zeit der Narration für möglich, dass „sich die Narration in Vergangenheitsform gewissermaßen aufsplittern kann, um sich […] zwischen die verschiedenen Momente der Geschichte zu schieben“ (S. 154). Aus Gründen der Praktikabilität wird in dieser Lerneinheit die heterogene filmische narrative Instanz als eine Instanz verstanden, die sich mittels der verschiedenen kinematographischen Komponenten „aufsplittern“ (S. 154) kann.

Im Folgenden werden, wie in der Lerneinheit „Modus“, anhand der Genetteschen Kategorien die kinematographischen Komponenten für den Beispielfilm „American Beauty“ in ihrer Funktion als narrative Instanz analysiert (dies geschieht mittels Beispielszenen, nicht anhand einer kompletten Segmentierung. Außerdem wird der Begriff der Szene nicht im Sinne Barthes’ verstanden, sondern fungiert als filmdramaturgische Einheit), wobei Kamera, Figuren und VON im Mittelpunkt der Untersuchung stehen. Zusätzlich wird ein Filmbeispiel die Musik als Teil der narrativen Instanz aufgreifen. Aber anders als beim filmischen Modus werden die Kategorien nacheinander durchgegangen und innerhalb dieser auf ihre verschiedenen kinematographischen Komponenten hin untersucht. Dieses Verfahren ist, ähnlich wie bei der filmischen Zeit, scheinbar wieder nahe am Literaturwissenschaftlichen. Die Stimme des Films, selbst wenn sie oft in die Nähe des Modus fällt, erscheint damit ähnlich der Stimme des literarischen Erzählers. Diese Vermutung trifft allerdings nur auf einzelne kinematographische Elemente zu, denen ein Textsystem zugrunde liegt, wie z. B. die VON und die Figuren, die in mündlicher Form einer schriftsprachlichen Grammatik folgen.
Die Stimme der Kamera, das wird weiter unten noch deutlich, gehorcht im Gegensatz dazu nur den zeichensystematischen Gesetzen des Films.