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Heterodiegetische interne Analepsen

Heterodiegetische interne Analepsen

Heterodiegetische interne Analepsen betreffen einen Strang der Geschichte oder eine inhaltliche Information, die sich von denen der Basiserzählung unterscheiden und in gewisser Weise zu ihr gehören, aber doch den Eindruck einer Abschweifung machen. Beispielsweise werden neue Figuren meist durch Analepsen dieses Typs eingeführt, indem man über die Analepse deren Vorgeschichte erfährt: „Als die Strafpredigt von Peters Mutter gerade ihren Höhepunkt erreicht hatte, rief Tante Annegret an. Tante Annegret war die Schwester von Peters Vater und der mochte seine Schwester nicht. Sie mische sich immer in alles ein, beschwerte er sich permanent. Das war einfach für sie, denn sie wohnte seit zehn Jahren in derselben Straße. Peter mochte Tante Annegret auch nicht besonders. Aber diesmal fiel er ihr in Gedanken vor Dankbarkeit um den Hals. Wie gut, dass sie sich gerade eben in die Angelegenheiten der Familie einmischen wollte und anrief!“
In literarischen Texten höherer Qualität als der Erzählung vom Kuchen essenden Peter finden sich heterodiegetische interne Analepsen vor allem bei längeren Erzähltexten.
In Heinrich von Kleists „Die heilige Cäcilie“ wird von mehreren Studenten erzählt, die um das Ende des 16. Jahrhunderts in Aachen einen Bildersturm während Fronleichnam wagen. Sie sind nach diesem Unternehmen durch ominöse Vorgänge während der Messe so tief verstört, dass sie sich nicht mehr äußern können. Die Mutter der drei macht sich daran, sechs Jahre später die Ursache bei Zeugen zu ergründen. So trifft sie auf Veit Gotthelf, der am Bildersturm „eifrigen Anteil genommen habe“ und dessen Leben während der sechs – in der Erzählung ausgelassenen – Jahre im hier zitierten Textausschnitt nachgereicht wird.

„Die Frau, die den schauderhaften Anblick dieser Unglücklichen nicht ertragen konnte und sich bald darauf, auf wankenden Knien, wieder hatte zu Hause führen lassen, begab sich, um über die Veranlassung dieser ungeheuren Begebenheit Auskunft zu erhalten, am Morgen des folgenden Tages, zu Herrn Veit Gotthelf, berühmten Tuchhändler der Stadt; denn dieses Mannes erwähnte der von dem Prädikanten geschriebene Brief, und es ging daraus hervor, daß derselbe an dem Projekt, das Kloster der heiligen Cäcilie am Tage des Fronleichnamfestes zu zerstören, eifrigen Anteil genommen habe. Veit Gotthelf, der Tuchhändler, der sich inzwischen verheiratet, mehrere Kinder gezeugt, und die beträchtliche Handlung seines Vaters übernommen hatte, empfing die Fremde sehr liebreich […].“

Heinrich von Kleist: Die heilige Cäcilie. In: Ders.: Werke und Briefe in vier Bänden. Band 3: Erzählungen. Gedichte. Anekdoten. Schriften. 4. Auflage. Berlin 1995, S. 238–251; hier S. 243.


Heterodiegetische interne Prolepsen sind nur theoretisch denkbar. Hier müsste es sich um Vorwegnahmen handeln, die nicht die Basiserzählung betreffen, aber dennoch nicht extern sind – und das scheint kaum möglich. Aus diesem Grund geht wohl auch Genette nicht auf sie ein: „Wir lassen hier also erneut die heterodiegetischen Prolepsen beiseite [...].“ (S. 48) Interne Prolepsen sind demnach wohl stets homodiegetisch.