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Zeit

Die Kategorie der Zeit

Der erste Schritt jeder narratologischen Analyse ist die Bestimmung der Ordnung der Erzählung. Nur so kann klar werden, welche Erzählelemente auf welche narratologischen Ebenen zu beziehen sind.
Für eine Analyse der Ordnung wird die Ordnung der Erzählung mit der Ordnung der Geschichte, die erzählt wird, verglichen. Mit Geschichte ist dabei der narrative Inhalt, der einer Erzählung zugrunde liegt und den man in Inhaltsangaben referiert, gemeint. Für Geschichte findet sich häufig auch der Fachausdruck Diegese. Die Ereignisse einer Geschichte sind stets chronologisch angeordnet.
Die Verfasser von Erzählungen halten sich dagegen selten an die Chronologie der präsentierten Ereignisse. In Erzählungen wird meistens die temporale Ordnung verändert und so das Erzähltempo variiert und Spannung erzeugt. So gibt Thomas Bernhard in der zuvor besprochenen Erzählung „Guter Rat“ erst nachträglich die Information, dass sich der Ausflügler auf der Fahrt angeschlossen hat. Was chronologisch an erster Stelle stattfand, wird an zweiter berichtet.
Eine Erzählung ordnet also die Ereignisse einer Geschichte neu an und gestaltet sie. Eine Geschichte könnte beispielsweise folgenden Inhalt haben: „Peter wacht in der Nacht auf, geht in die Küche, findet einen frisch gebackenen Schokoladenkuchen und isst ein Stück davon. Am nächsten Morgen weckt ihn ein Schrei seiner Mutter, die den Geburtstagskuchen für Peters Schwester Anna holen will. Peter geht in die Küche zu seiner wütenden Mutter.“ Eine Erzählung könnte sich an diese temporale Ordnung halten, sie könnte allerdings ebenso gut mit dem Schrei der Mutter am Morgen einsetzen und erst anschließend auf Peters nächtlichen Hunger verweisen, um die Erzählung abwechslungsreicher und unterhaltender zu machen: „Peter wurde wach. Weshalb schrie seine Mutter denn so? Er lief in die Küche. ‚Was ist mit dem Kuchen passiert?‘, wurde er gefragt, kaum dass er das Zimmer betreten hatte. ‚Ach der. Na ja, ich hatte heute Nacht Hunger.‘“
An diesem Beispiel wird zudem deutlich, dass es einen Unterschied gibt zwischen der Zeit, die ein Ereignis, von dem erzählt wird, braucht, um stattzufinden, und der Zeit, die das Lesen der sprachlichen Umsetzung des Ereignisses in Anspruch nimmt:

„[W]ie jeder Gegenstand in der Zeit produziert, existiert die schriftliche Erzählung im Raum und als Raum, und die Zeit, die man braucht, um sie zu ‚konsumieren‘, ist die, die man braucht, um sie zu durchlaufen oder zu durchmessen – wie eine Straße oder ein Feld. Der narrative Text hat, wie jeder andere Text, keine andere Zeitlichkeit als die, die er metonymisch von seiner Lektüre empfängt.“ (S. 21f.)

Da die Zeitlichkeit einer Erzählung vor allem durch die Zeit, die man zum Lesen des Textes braucht, erfahrbar wird, spricht Genette von der Pseudo-Zeit einer Erzählung, der Erzählzeit. Sie steht im Gegensatz zur erzählten Zeit der Geschichte. So umfasst die gerade erwähnte Geschichte von Peters nächtlichem Hunger mehrere Stunden – vom Moment des Aufwachens in der Nacht bis zu Peters Gang in die Küche –, die Erzählung allerdings selbst bei langsamem Lesen nur rund 15 Sekunden.

Die Erzählzeit steht also im variablen Verhältnis zur erzählten Zeit der Geschichte. Ihre Relationen innerhalb der narrativen Konstruktion werden von Genette auf drei Verhältnisebenen untersucht, die die Ordnungsstruktur einer Erzählung ausmachen (S. 22):

„1. die Verhältnisse zwischen der temporalen Ordnung oder Reihenfolge der Ereignisse in der Diegese und der pseudo-temporalen Ordnung ihrer Darstellung in der Erzählung […];“

Gemeint ist hier eine Untersuchung der Abfolge der Ereignisse, wie oben bereits angesprochen. Die Grundfragen müssen lauten: Welche Geschehnisse werden in der Erzählung in welcher Reihenfolge geboten und wie verhält sich diese Ordnung zu der zugrunde liegenden Geschichte?

„2. die Verhältnisse zwischen der jeweiligen Dauer dieser Ereignisse oder diegetischen Segmente und der Pseudo-Dauer […];“

Verglichen wird die Dauer von Ereignissen in einer Geschichte mit der Textlänge, also der Dauer des Erzählberichts, um Geschwindigkeit und Rhythmuswechsel einer Erzählung ermitteln zu können. Die Grundfragen müssen lauten: Welche Zeitdauer umfasst die Geschichte, auf die sich eine Erzählung bezieht (erzählte Zeit), und wie lange dauert es im Vergleich dazu, die Erzählung zu lesen bzw. wie viele Seiten hat der Text der Erzählung (Erzählzeit)?

„3. schließlich die Verhältnisse der Dichte oder Frequenz […], die Beziehungen zwischen den Wiederholungskapazitäten der Geschichte und denen der Erzählung […].“

Hier geht es um die Frage, ob Ereignisse einer Geschichte in einer Erzählung einmal oder mehrfach erwähnt werden.
Diese drei genannten Verhältnisebenen werden im Folgenden behandelt und erläutert.
Zunächst geht es um die temporale Ordnung, also um die Fragen, welche Geschehnisse in der Erzählung in welcher Reihenfolge geboten werden und wie sich diese Ordnung zu der zugrunde liegenden Geschichte verhält.


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