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Übergänge und das Spiel mit der Zeit

Übergänge und das Spiel mit der Zeit

In der Lerneinheit „Dauer“, in der es um Rhythmuswechsel und Geschwindigkeiten ging, wurde darauf verwiesen, dass die klassische Erzählung von einem Wechsel von Summary und Szene lebt. Denkbar wäre aber auch die Alternanz von iterativem und singulärem (bzw. singulativem) Erzählen. Genette sieht eben hier einen wesentlichen Unterschied des modernen Erzählers Proust im Vergleich zu seinen Vorgängern (vgl. S. 103).

Hinweise für solche Wechsel können Veränderungen der grammatischen Zeit sein, wie bei Uwe Johnson, dessen Roman „Mutmaßungen über Jakob“ in dieser Lerneinheit bereits für das pseudo-iterative Erzählen beispielgebend gewesen ist. Der Text kreist um die Frage, warum der Bahnbedienstete Jakob ausgerechnet auf einem Bahngelände sterben musste. Da er in seiner Arbeit erfahren gewesen ist, verblüfft sein Tod Bekannte und Verwandte insbesondere angesichts einer Tatsache, die von ihnen (als Iterativ) permanent wiederholt wird: „Aber Jakob ist immer quer über die Gleise gegangen.“ Im folgenden Textausschnitt – die erste Seite des Romans – wechseln iterative Segmente (Tempus: Perfekt) mit singulären Schilderungen (Tempus: Präteritum).

Aber Jakob ist immer quer über die Gleise gegangen.

– Aber er ist doch immer quer über die Rangiergleise und die Ausfahrt gegangen, warum, außen auf der anderen Seite um den ganzen Bahnhof bis zum Straßenübergang hätt er eine halbe Stunde länger gebraucht bis zur Straßenbahn. Und er war sieben Jahre bei der Eisenbahn.
– Nun sieh dir mal das Wetter an, so ein November, kannst keine zehn Schritt weit sehen vor Nebel, besonders am Morgen, und das war doch Morgen, und alles so glatt. Da kann einer leicht ausrutschen. So ein Krümel Rangierlok ist dann beinah gar nicht zu hören, sehen kannst sie noch weniger.
– Jakob war sieben Jahre bei der Eisenbahn will ich dir sagen, und wenn irgend wo sich was gerührt hat was auf Schienen fahren konnte, dann hat er das wohl genau gehört

unterhalb des hohen großglasäugigen Stellwerkturms kam eine Gestalt quer über das trübe dunstige Gleisfeld gegangen, stieg sicher und achtlos über die Schienen eine Schiene nach der anderen, stand still unter einem grün leuchtenden Signalmast, wurde verdeckt von der Donnerwand eines ausfahrenden Schnellzuges, bewegte sich wieder. An der langsamen stetigen Aufrechtheit des Ganges war vielleicht Jakob zu erkennen, er hatte die Hände in den Manteltaschen und schien geraden Nackens die Fahrten auf den Gleisen zu beachten. Je mehr er unter seinen Turm kam verdunsteten seine Umrisse zwischen den finster massigen Ungeheuern von Güterzugwagen und kurzatmigen Lokomotiven, die träge ruckweise kriechend den dünnen schrillen Pfiffen der Rangierer gehorchten im Nebel des frühen Morgens auf den naß verschmierten Gleisen

– wenn einer dann er. Hat er mir doch selbst erklärt, so mit Physik und Formel, lernt einer ja tüchtig was zu in sieben Jahren, und er sagt zu mir: Bloß stehenbleiben, wenn du was kommen siehst, kann noch so weit wegsein. ‚Wenn der Zug am Kommen ist – ist er da‘ hat er gesagt. Wird er auch bei Nebel gewußt haben.
– Eine Stunde vorher haben sie aber einen Rangierer zerquetscht am Ablaufberg, der wird das auch gewußt haben.“

Uwe Johnson: Mutmaßungen über Jakob. Frankfurt am Main 1973, S. 5.


Die Phänomene der drei Lerneinheiten „Ordnung“, „Dauer“ und „Frequenz“ betreffen alle die Kategorie der Zeit und wurden zwar getrennt betrachtet, hängen aber eng zusammen. So kann man feststellen, dass viele Erzählungen Analepsen meist über ein Summary präsentieren und häufig dabei iterativ erzählen. „Der zeitliche Gehalt einer Erzählung läßt sich also nur charakterisieren, wenn man wirklich alle Beziehungen zugleich berücksichtigt, die sie zwischen ihrer eigenen Zeitlichkeit und der der von ihr erzählten Geschichte herstellt.“ (S. 110)
Autoren bieten sich demnach viele Möglichkeiten an, mit der Zeit in Texten zu spielen und durch unterschiedliche Kombinationen verschiedenartige Wirkungen zu erzeugen. Ihre Entschlüsselung ist die Aufgabe der Narratologie.



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