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Iteratives Erzählen

Iteratives Erzählen

„Peter wusste genau, dass das Fehlen des Kuchenstücks eine Katastrophe war. Denn an Geburtstagen passierte jedes Jahr dasselbe – bei seinen und bei Annas Geburtstagen. Die Mutter weckte das Geburtstagskind mit dem Kuchen in der Hand, auf dem Kerzen brannten. Diese durfte man dann auspusten und den Kuchen zum Frühstück anschneiden. Ganz allein. Und diesmal, wenn Anna geweckt werden würde, dann war der Kuchen schon angeschnitten und damit alles nicht so wie sonst. Wie konnte er nur so gedankenlos sein!“

Wenn der Erzähler hier von dem üblichen Geburtstagsritual der Familie Anderson berichtet, dann fasst er mehrere Fälle desselben Ereignisses zusammen. Er erzählt iterativ (1E/nG).
Dasselbe geschieht im folgenden Fall: „‚Peter! Komm sofort in die Küche!‘ Peter schreckte aus dem Schlaf – das schlechte Gewissen erwachte: die Mutter – der Kuchen. Peter hatte in der Nacht Hunger gehabt. Jetzt musste er wohl Rede und Antwort stehen. Er zog sich langsam an. Ein Griff – das Hemd – die Socken. Schlaftrunken griff er nach seinen Sachen. Er beeilte sich. Die Mutter hatte nun schon mehrfach nach ihm gerufen.“

Wie man sieht, kann auf mehrere Arten und Weisen iterativ erzählt werden. Die beliebteste dürfte die mittels sylleptischer Formeln wie „täglich“, „jeden Sonntag“ usw. sein.


„Ein Mißverständnis. Was anderes kann es nicht sein. Nur weil ich meine Füße ins Wasser gehalten habe? In der vergangenen Woche hielt ich jeden Tag meine Füße ins Wasser. Zur Abkühlung. Mittun mit der Jugend muß man. Ich bin doch noch kein Alt-FDJler. Ein Tag ist nicht wie der andere, wie Großmutter sagt, aber die Gesetze, Bestimmungen, Verordnungen müssen Montag sein wie Freitag. Wenn es am Donnerstag erlaubt ist, die Beine in den Brunnen zu hängen, kann es am Dienstag nicht verboten sein.“

Hans Ulrich Klingler: Am Montag fiel der Hammer. In: Ulrich Plenzdorf/Klaus Schlesinger/Martin Stade (Hgg.): Berliner Geschichten. Frankfurt am Main 1995 (= st 2256), S. 99–102; hier S. 99.


Auch wenn die iterative Erzählweise häufig zu finden ist, ist sie doch in der klassischen Prosa der singulären und singulativen deutlich untergeordnet. Da sie Rituale, Gewohnheiten, Alltägliches vermittelt, gibt sie häufig eine Art Rahmen für das singulative Erzählen ab. „Die klassische Funktion der iterativen Erzählung ähnelt also stark derjenigen der Beschreibung, mit der sie übrigens in einem engen Zusammenhang steht: das psychologische ‚Porträt‘ etwa, eine Spielart der deskriptiven Gattung, arbeitet sehr oft [...] mit einer Anhäufung iterativer Merkmale.“ (S. 84)