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Explizite Ellipse

Explizite Ellipse

Bei einer expliziten Ellipse ist der ausgesparte Zeitraum deutlich markiert – entweder durch sofortige Nennung („wir überspringen die folgenden fünf Stunden“) oder durch Nachreichung der Angabe bei der Wiederaufnahme der Basiserzählung („fünf Stunden waren vergangen, als Peter wieder die Küche betrat“). Im ersten Fall erkennt man sofort, dass derartige Ellipsen leicht mit Summarys verwechselt werden können. „Wir überspringen die folgenden fünf Stunden“ ist eine Ellipse, „in den folgenden fünf Stunden verbrachte Peter seine Zeit in der Schule mit Mathe, Englisch und Sport, ohne richtig aufmerksam zu sein, weil er mit seinem schlechten Gewissen kämpfte“ ist ein Summary. In dem einen Fall fehlen die fünf Stunden Schule in der Erzählung, im anderen nicht.

Bei aller Unterschiedlichkeit der gerade behandelten Sätze haben sie eines doch gemeinsam: Es handelt sich im ersten Fall um eine bestimmte Ellipse, da eine genaue Zeitspanne angegeben wird: „fünf Stunden“. Ebenso häufig finden sich allerdings auch unbestimmte Ellipsen, bei denen die Zeitspanne ungenau bleibt: „mehrere Stunden später“. Würde man die obigen Sätze jeweils in eine unbestimmte Form setzen, bemerkte man, wie sich die Wirkung der Aussagen verändern können. Unbestimmte Ellipsen können in entsprechenden Kontexten den Eindruck einer Zeitdehnung verstärken: „In den folgenden Stunden verbrachte Peter seine Zeit in der Schule, ohne richtig aufmerksam zu sein, weil er mit seinem schlechten Gewissen kämpfte.“

Nachdem ihr Ehemann tatsächlich die Stadt verlassen hatte, bemühte sich die junge Frau des Kaufmanns in Goethes Prokuratornovelle, ihm nicht untreu zu werden bzw. sich ihren Liebhaber genau auszusuchen. Schließlich bemerkt sie einen Rechtsgelehrten, der ihr vollkommen zu sein scheint. In einer unbestimmten Ellipse wird vermittelt, wie die Frau den Gelehrten genau beobachtet und sich dabei bzw. dadurch für diesen entscheidet:


Einige Tage hatte sie ihn heimlich beobachtet und konnte nun dem Wunsche nicht länger widerstehen [...].“

Johann Wolfgang von Goethe: Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten. In: Ders.: Werke. Hamburger Ausgabe in 14 Bänden. Band 6: Romane und Novellen I. Textkritisch durchgesehen von Erich Trunz. Kommentiert von Erich Trunz und Benno von Wiese. München 1981, S. 125–241; hier S. 177.


Die Stelle zeigt, wie nahe beieinander Summary und Ellipse liegen. Der Satz findet sich unter der Kategorie der unbestimmten Ellipse, da er nicht, wie beim Summary üblich, eine Zeitspanne der Erzählung überbrücken soll, sondern im Gegenteil eine Entwicklung über eine Auslassung besonders markiert. Gerade die Unbestimmtheit (sowohl zeitlich als auch hinsichtlich der Umstände) intensiviert das Geschehen und führt umso deutlicher zu einem „und konnte nun dem Wunsche nicht länger widerstehen“. Zugegebenermaßen bedingt jedoch die Zuordnung zu Ellipse oder Summary interpretatorische Überlegungen.

Etwas einfacher gestaltet sich die Zuordnung bei der bestimmten Ellipse. In der „Erzählung von Sonečka“ der russischen Autorin Marina Cvetaeva dient sie als markierter Einschnitt zwischen zwei Lebensmitttelpunkten einer Figur. Eben noch in Russland im Jahr 1922 von einem Freund verabschiedet, geht sie schon im nächsten Absatz mit ihrem Sohn in Paris spazieren. Die Geschehnisse der sieben Jahre umfassenden Ellipse spart die Erzählung deutlich in Form eines „Gedankenstrich[s]“ aus.


„ – Pavlik, ich habe keine Zeit mehr, nur eines: wenn Sie mich je – und sei es auch nur ein ganz klein wenig – geliebt haben, machen Sie mir meine Sonečka Gollidej ausfindig
Er, mit gepreßter, gekränkter Stimme:
– Ich verspreche es.

–––––––

Jetzt folgt ein langer Gedankenstrich. Ein Gedankenstrich von dreitausend Werst und sieben Jahren: von zweitausendfünfhundertundfünfundfünfzig Tagen.
Ich gehe mit meinem zweijährigen Sohn im Park Bellevue Observatoire – spazieren. Neben mir, an meiner anderen Seite, sich dem Schritt meines zweijährigen Sohnes anpassend, geht Pavlik A., der mit dem Vachtangov-Studio nach Paris gekommen ist. Er hat schon zwei Töchter und (ich glaube) einen Sohn.“

Marina Cvetaeva: Erzählung von Sonečka. Berlin 1984, S. 219f.


Besonders auffällig sind jene Ellipsen, die Genette – etwas unglücklich – ‚gekennzeichnet‘ nennt. Bei ihnen gibt es eine Auffüllung der Ellipse mit diegetischem Inhalt („,einige glückliche Jahre vergingen'“, S. 76). Vermutlich sollten sie daher besser ‚gefüllte‘ Ellipsen genannt werden. Allerdings sind auch hier wieder die Grenzen zum Summary fließend, wie das folgende Beispiel illustriert:


„Die Familie wollte auf ihn böse werden; doch er nahm gleich auf das wärmste von allen Abschied, bat sie, über diese Äußerung nicht weiter nachzudenken, und reiste ab. Mehrere Wochen, in welchen die Familie, mit sehr verschiedenen Empfindungen, auf den Ausgang dieser sonderbaren Sache gespannt war, verstrichen.

Heinrich von Kleist: Die Marquise von O … .In: Ders.: Sämtliche Erzählungen und Anekdoten. Herausgegeben von Harald Sembdner. Band 2. München 1977, S. 104–143; hier S. 119.