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Deskriptive Pause

Deskriptive Pause

Deskriptive Pausen sind auf den Leser gerichtet, denn sie vermitteln Informationen, die für den Leser zwar wichtig, aber den fiktiven Figuren in der fiktionalen Welt bekannt sind. Insofern sind sie Ausdruck der Ansprache des Erzählers an seinen Adressaten und damit der Erzählung von Ereignissen enthoben. Das folgende Beispiel illustriert das anhand der Deskription einer Wohnumgebung:


„Die Barbys, der alte Graf und seine zwei Töchter, lebten seit einer Reihe von Jahren in Berlin, und zwar am Kronprinzenufer, zwischen Alsen– und Moltkebrücke. Das Haus, dessen erste Etage sie bewohnten, unterschied sich, ohne sonst irgendwie hervorragend zu sein (Berlin ist nicht reich an Privathäusern, die Schönheit und Eigenart in sich vereinigen), immerhin vorteilhaft von seinen Nachbarhäusern, von denen es durch zwei Terrainstreifen getrennt wurde; der eine davon ein kleiner Baumgarten, mit allerlei Buschwerk dazwischen, der andre ein Hofraum mit einem zierlichen malerisch wirkenden Stallgebäude, dessen obere Fenster, hinter denen sich die Kutscherwohnung befand, von wildem Wein umwachsen waren.

Theodor Fontane: Der Stechlin. Frankfurt am Main 1975, S. 129.


Natürlich geht es selbst bei einer reinen Deskription niemals nur um die Anschaulichkeit des Beschriebenen. Derartige Pausen transportieren stets Informationen darüber hinaus. So lässt sich mittels einer Wohngegend etwas über eine Familie und ihre Stellung aussagen – und nicht umsonst fügt der Erzähler hier in Klammern eine Information, die damit noch weniger zur Geschichte gehört, aber dem Leser hilft, den gegebenen Hinweis besser einzuschätzen, ein.
In seinem „Neue[n] Diskurs der Erzählung“ bemerkt Genette dazu: „Kurz, nicht jede Beschreibung stellt eine Pause dar; andererseits jedoch sind gewisse Pausen eher digressiv, extradiegetisch und gehören mehr zum Kommentar und zur Reflexion als zur Narration […].“ (S. 215)
Es gibt demnach Deskriptionen, die mehr außerhalb der Geschichte stehen, und solche, die zwar deskriptiv sind, aber in ihrer Funktion ebenso gut als kontemplativ aufzufassen sind.
Bei rein deskriptiven Pausen unterbricht der Erzähler die Geschichte, indem er etwas beschreibt, „was an diesem Punkt der Geschichte eigentlich niemand erblickt oder betrifft“. (S. 72) Oft handelt es sich dabei um einen Exkurs des Erzählers, der „in seinem eigenen Namen und nur, um den Leser zu informieren“ geschieht. (S. 72)