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Homodiegetische Erzählung

Homodiegetische Erzählung

In einer homodiegetischen Erzählung ist der Erzähler selbst in der Geschichte anwesend, also Teil der Geschichte. Damit erfüllt er eine Doppelfunktion: Er ist Erzähler und Figur:

„Eines Tages ging ich von dem Hochgebirge gegen das Hügelland hinaus. Ich wollte nehmlich von einem Gebirgszuge in einen andern übersiedeln, und meinen Weg dahin durch einen Theil des offenen Landes nehmen. Jedermann kennt die Vorberge, mit welchen das Hochgebirge gleichsam wie mit einem Übergange gegen das flachere Land ausläuft.“

Adalbert Stifter: Der Nachsommer. In: Ders.: Werke und Briefe. Band 4,1. Stuttgart/Berlin/Köln 1997, S. 45.


Allerdings kann die Anwesenheit des Erzählers verschiedene Grade aufweisen. Genette erwähnt die beiden Extreme:

1. Der Erzähler ist das Zentrum der Erzählung, die damit zu einer autodiegetischen wird. Der Begriff ‚autodiegetisch‘ bezeichnet den höchsten Grad des Homodiegetischen; der Erzähler rückt als ‚Held‘ in den Mittelpunkt.
Das bedeutet allerdings, dass der Leser den Behauptungen dieses Erzählers fast völlig ausgeliefert ist, denn er entscheidet, in welchem Licht er erscheint, was er weidlich ausnutzen wird, wie der Hochstapler Felix Krull:

„Der Rheingau hat mich hervorgebracht, jener begünstigte Landstrich, welcher, gelinde und ohne Schroffheit sowohl in Hinsicht auf die Witterungsverhältnisse wie auf die Bodenbeschaffenheit, reich mit Städten und Ortschaften besetzt und fröhlich bevölkert, wohl zu den lieblichsten der bewohnten Erde gehört.“

Thomas Mann: Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull. Der Memoiren erster Teil. In: Ders.: Der Erwählte/Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull. Frankfurt am Main 1974, S. 265–661; hier S. 266.


2. In seltenen Fällen ist der Erzähler nur eine Nebenfigur und spielt daher lediglich den Beobachter. Dies ist dann besonders sinnvoll, wenn etwas erzählt werden soll, bei dem der Erzähler nah am Geschehen sein soll, um die Spannung zu erhöhen, bei dem er aber auch nicht die Hauptfigur sein kann, da er später in der Lage sein muss, die Geschehnisse zu berichten. Ein solcher Erzähler findet sich häufig in der Schauerliteratur. Berühmt wurde aber auch Dr. Watson, der von den Kriminalfällen berichtet, die Sherlock Holmes löst.

Normalerweise würde man jetzt bemerken, dass zwischen diesen beiden Extremen alles möglich ist. Das scheint jedoch nicht zu stimmen, wenn Genette mit der folgenden Beobachtung Recht hat: „Allem Anschein nach kann der Erzähler in seiner Erzählung nicht eine gewöhnliche Nebenfigur sein: entweder er ist der Star oder ein bloßer Zuschauer.“ (S. 176)

Eine viel diskutierte Frage ist die nach einem Erzählerwechsel. Sie wurde bereits in dem Abschnitt zur eingeschobenen Narration kurz angerissen. Kann der Erzähler in einer Erzählung wechseln, ohne dass es zu einem Ebenenwechsel kommt? Genette verneint diese Frage. „Und der Leser, vorausgesetzt, er merkt es, empfindet es denn auch als einen Verstoß gegen eine implizite Norm, wenn … der Erzähltyp gewechselt wird ….“ (S. 176) Das würde bedeuten, dass es in einer Erzählung nur einen invariablen Erzählertyp je Erzählebene gibt, der dann eventuell lediglich hinter einer Figur zurücktritt, aber niemals ganz verschwindet.