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Die metadiegetische Erzählung

Die metadiegetische Erzählung

Wäre es überhaupt sinnvoll, Peter auf dem Schulhof von einem Ereignis berichten zu lassen, das der Leser aus der Erzählung des Erzählers längst kennt? Um das beantworten zu können, muss überlegt werden, in welcher Beziehung eine Erzählung auf erster und auf zweiter Stufe zueinander stehen können. Denn nur wenn die Szene mit Peter und Jörg auf dem Schulhof eine Funktion erfüllt, die der Erzählung dient, ist sie sinnvoll.

 

Genette unterscheidet drei Typen des Verhältnisses zwischen Diegese und Metadiegese:

1. Zwischen den Ereignissen der Metadiegese und denen der Diegese besteht ein unmittelbares Kausalverhältnis. Die Erzählung auf zweiter Stufe hat dann eine explikative Funktion, sie gibt eine Antwort auf die Frage: Wie kam es zu der gegenwärtigen Situation? Soll die Erzählung Peters eine solche Funktion übernehmen, müsste der Erzähler sich zuvor deutlich mehr zurückhalten. Motive, Umstände und Verlauf des Geschehens müssten erst durch die Erzählung Peters deutlich werden, um sie nicht zu einer bloßen Wiederholung von bereits Bekanntem werden zu lassen. Diese Überlegung zeigt, dass eine explikative metadiegetische Erzählung häufig Ellipsen füllt und (deshalb) analeptisch ist.
Würde die Schulhofszene in diesem Sinne eingesetzt, würde sich allerdings der Schwerpunkt des Erzählens verändern – aus einer Schilderung des Kuchenessens und der Folgen für die Familie würde eine Erzählung, die sich mit der Psyche Peters bzw. mit dessen Verarbeitung der Schuldgefühle befasst.
Genettes Beispiel vom Bericht des Odysseus in der „Odyssee“ passt daher viel besser als Erläuterung dieser explikativen Funktion einer Metadiegese, denn Odysseus’ Bericht liefert die Hintergründe für das aktuelle Geschehen, die uns im Fall von Peter bereits bekannt sind.

2. Es gibt keine raum-zeitliche Kontinuität zwischen den beiden Ebenen, sondern eine rein thematische Beziehung. Die Erzählung auf zweiter Stufe behandelt etwas, das inhaltlich auf die Ereignisse der Diegese rückbezogen werden kann. Diese Art der Metadiegese ist ein beliebtes Mittel der Didaktik. Solche Erzählungen sind häufig Exempel oder Fabeln. Sie werden erzählt, um den Zuhörer zu überzeugen, sich auf eine bestimmte Weise zu verhalten, was dann in der Regel dazu führt, dass die Geschehnisse auf der diegetischen Ebene eine andere Wendung nehmen. Eine solch persuasive Funktion könnte das Gespräch auf dem Schulhof durchaus erfüllen, allerdings müsste dann der über die Ereignisse informierte Jörg seinem Freund Peter eine Geschichte erzählen, um über deren Aussage dem Freund die Möglichkeit zu eröffnen, für sein eigenes, aktuelles Problem eine Lösung zu finden. „Weißt du, vor einem Jahr ist mir etwas ganz Ähnliches passiert. Damals...“

3. Zwischen den beiden Erzählungen auf unterschiedlichen Ebenen kann es auch überhaupt keine Beziehung geben. Dann geht es vor allem darum, dass der Narrationsakt der metadiegetischen Erzählung eine Funktion erfüllt, nicht die Erzählung selbst. Diese Erzählungen auf zweiter Stufe können dann entweder der Unterhaltung dienen (Novellensammlungen mit Rahmenhandlung) oder eine bedrohliche Situation entschärfen bzw. hinauszögern (1001 Nacht). Wenn Peter seine Erlebnisse Jörg auf dem Schulhof erzählt, handelt es sich nicht um eine Metadiegese dieser Art. Dazu müsste Peter eine Geschichte erzählen, die mit dem am Morgen erlebten nichts zu tun haben dürfte, und er müsste das tun, um seine Mitschüler zu unterhalten. Denn Aufschieben kann er in diesem Erzählzusammenhang nichts. Dass Peter allerdings unterhaltende Geschichten erzählt, scheint unwahrscheinlich. Eher schon Jörg, der vielleicht seinen Freund ablenken möchte. Interessanterweise könnte man sich das in einer Erzählung vor 1900 auch durchaus vorstellen, nicht jedoch in einer Erzählung des 20. und 21. Jahrhunderts. Aus irgendeinem Grund sind lange Einschübe mit Erzählungen höherer Ebenen in der modernen Literatur aus der Mode gekommen. Sie gelten als altmodisch, wahrscheinlich, weil sie eine Erzählung immer auch gleichzeitig als konstruiert ausweisen.