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Zeit der Narration

Zeit der Narration

Wenn man die Geschichte von Peter und dem gegessenen Stück Kuchen erzählt, dann könnte man problemlos auf alle adverbialen Hinweise (wie Zeit und Ort) verzichten. Es ergäbe sich dennoch eine Erzählung, und die wäre nicht einmal zwangsläufig weniger spannend oder langweilig. Der Bezug zum narrativen Akt ist dagegen niemals zu vermeiden, er stellt sich automatisch ein und wird mindestens durch die Zeitform der verwendeten Verben deutlich. In der Peter-Geschichte geschieht dies bereits im ersten Satz: „Peter wurde wach.“ Aus dieser Aussage kann man ableiten, dass jemand eine Geschichte von einem Peter erzählt, und zwar von einer distanzierten Position – räumlich und zeitlich. Wo genau sich der Erzähler beim Erzählen befindet, bleibt zwar unklar, sehr deutlich wird aber die zeitliche Differenz: Der Narrationsakt findet im Nachhinein statt. Eine Narrationsinstanz bestimmt sich demnach vor allem durch die zeitliche Relation, das heißt durch „ihre Position im Verhältnis zur erzählten Geschichte“ (S. 154).
In der Typologie Gérard Genettes wird mit Zeit der Narration der Zeitpunkt des narrativen Aktes im Verhältnis zu den Ereignissen der Geschichte bezeichnet. Die Geschichte kann nachzeitig (später) erzählt werden – sie liegt mithin vor der Handlung des Erzählens. Die gleichzeitige Narration simuliert die Wiedergabe eines Ereignisses unmittelbar während es erlebt wird (Synchronie). Einen Sonderfall stellt die eingeschobene Narration dar, bei der mehrere Instanzen eine Geschichte erzählen oder reflektieren (eingeschobene Briefe oder Tagebuchaufzeichnungen). Die frühere Narration hingegen antizipiert Ereignisse einer Geschichte, die zukünftig ist. ‚Natürlich‘ scheint dem Rezipienten lediglich der erste Fall zu sein, da er dem bekannten Schema des Berichtens im Anschluss an ein Ereignis entspricht. Wenn etwas erzählt wird, das erst noch kommen wird, bekommt der Erzähler automatisch orakelhafte und prophetische Züge. Genette nennt eine solche Erzählung „prädiktiv“ (S. 154).
Der Abstand der zeitlichen Positionen von Ereignis und Narration ist variabel. Auf diese Weise können sich in einer Erzählung Narration und Geschichte annähern und entfernen. Ein beliebter Trick ist das Einholen der Geschichte durch die Narration. Autobiografien, die mit dem Zeitpunkt enden, zu dem sie geschrieben werden, arbeiten beispielsweise mit einer Annäherung der beiden Positionen (Narration und Geschichte) bis zu ihrer Koinzidenz.