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Nullfokalisierung/unfokalisierte Erzählung

Nullfokalisierung/unfokalisierte Erzählung

Bei einer Nullfokalisierung weiß der Erzähler mehr als die Figur. Er kann Zusammenhänge erkennen, Hintergrundwissen ausbreiten, auf zukünftige Geschehnisse vorausblicken usw. Diese Form der Perspektive überwiegt gemeinhin. Sie kann sich deutlicher zeigen – der extreme Fall wäre eine Pause – oder nur durch ein einziges Wort hervortreten – wenn beispielsweise ein Wort wie „schien“ darauf hinweist, dass etwas in ‚Wirklichkeit‘ (natürlich nur in der Wirklichkeit einer fiktiven Welt) ganz anders ist. Der Begriff Nullfokalisierung weist darauf hin, dass das Geschehen nicht aus der Sicht einer Figur geschildert wird, sondern aus der höher stehenden Position des Erzählers.

Bei der folgenden Stelle aus Adalbert Stifters Erzählung „Katzensilber“ wird das besonders deutlich, da der Blick sogar tatsächlich von oben auf die Figuren gerichtet wird (siehe die Hervorhebung):


„Wenn sie noch höher hinaufkamen, da war wieder die Erde, und auf ihr war das Heidekraut und die Gräser und Kräuter, und da stand auch ein Wacholderstrauch oder der Strunk einer Birke oder eine Distel. Und bei denselben saßen sie wieder nieder und ruhten wieder. Sie waren die einzigen weißen Punkte, und um sie waren die Hügel, die von den lichten Stoppeln der Ernte glänzten oder von den gepflügten Feldern braunten, oder von dem Grün der Gewächse, die man nach der Ernte gebaut hatte, mannigfach gefärbt waren, da lagen die Täler, die Wiesen mit dem zweiten Grün oder ein glänzendes Wasser, es erklommen die Wäldchen die Gipfel der Hügel, ein Erdbruch leuchtete, ein Häuschen oder ein Gemäuer von Höfen schimmerte, und weit, weit draußen lagen die blauen Berge, die mit den schwachen Felsen durchwirkt waren und die kleinen Täfelchen von Schnee zeigten.“

Adalbert Stifter: Katzensilber. In: Ders.: Bunte Steine. Ein Festgeschenk. Basel 1944, S. 213–279; hier S. 217.


Einen derartigen Überblick über die Landschaft kann keine der beteiligten Figuren haben, sie könnten dergleichen bestenfalls vermuten. Der Erzähler gewährt durch seine detaillierte Beschreibung ein umfassenderes Bild dieser Szenerie als es aus der Sicht der Figuren möglich ist.