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Grundlagen

Grundlagen

Das Verb erzählen und das Substantiv Erzählung sind in allen denkbaren Ableitungen Schlüsselbegriffe der Narratologie. Mit diesen Termini wird jedoch im Allgemeinen vieles bezeichnet, das eigentlich mit je eigenen Begriffen getrennt zu benennen wäre. Wenn jemand etwas erzählt und einer der Zuhörer das Erzählte nach der Erzählung weitererzählt, dann meinen die eben gebrauchten Worte unterschiedliches. Genette unterscheidet drei Signifikate (Bedeutungen) des Signifikanten (sprachlichen Ausdrucks) Erzählung:

1. Eigentlich ist mit Erzählung „die narrative Aussage“ gemeint. Das Wort bezeichnet „den mündlichen oder schriftlichen Diskurs [discours], der von einem Ereignis oder einer Reihe von Ereignissen berichtet“ (S. 15). Es wird etwas erzählt. Wie es erzählt wird, die einmalige Erzählrede – das ist die Erzählung im wörtlichen Sinn.

2. Was eine Person erzählt, also der Inhalt, das ist die Geschichte, d. h. die „realen oder fiktiven Ereignisse, die den Gegenstand dieser Rede ausmachen, und ihre unterschiedlichen Beziehungen zueinander“ (S. 15). Statt des Begriffs Geschichte findet sich manchmal auch das Wort Diegese.

3. Wenn eine Person einen narrativen Inhalt (Geschichte) in einer bestimmten Art und Weise präsentiert (Erzählung), dann tut sie das in einem Akt des Erzählens. Diese Erzählhandlung kann mündlich oder schriftlich sein, sie kann ein Geschehen begleiten oder nachträglich berichten usw. Genette bezeichnet sie als Narration. Es ist ebenfalls ein Ereignis, aber „diesmal nicht mehr das, von dem erzählt wird, sondern das, das darin besteht, daß jemand etwas erzählt […]“ (S. 15).

Betrachtet man diese drei unterschiedlichen Ebenen und beschäftigt sich mit den Forschungsergebnissen der Erzähltheorie in den Jahren vor Genette, dann kann man dem französischen Strukturalisten recht geben, wenn er bemerkt: „Hier überrascht es nun, daß sich die Erzähltheorie bislang recht wenig um Probleme des narrativen Aussagevorgangs gekümmert hat und ihre Aufmerksamkeit fast allein auf die Aussage und ihren Inhalt konzentriert hat [...].“ (S. 16)

In Genettes Narratologie steht die Untersuchung der Erzählung (Wie wird erzählt?) im Vordergrund, wenn er auch versucht, die beiden anderen Ebenen nicht aus dem Blick zu verlieren. Das ist nicht schwer, da die Ebenen der Geschichte und der Narration nur vermittelt durch die Erzählung existieren bzw. anders herum formuliert ist die Erzählung, so Genette, nur narrativ „durch den Bezug auf die Geschichte, und ein Diskurs ist sie durch den Bezug auf die Narration“ (S. 17). Für seine narratologische Systematik folgt deshalb:

„Die Analyse des narrativen Diskurses ist für uns also im wesentlichen die Untersuchung der Beziehungen zwischen Erzählung und Geschichte, zwischen Erzählung und Narration sowie […] zwischen Geschichte und Narration.“ (S. 17)

Aus der Beziehung der Ebenen (Geschichte – Erzählung – Narration) zueinander ergeben sich die zu betrachtenden Kategorien, die Ihnen in den folgenden Lerneinheiten begegnen werden:

1. Vergleicht man eine Erzählung mit der ihr zugrunde liegenden Geschichte, stellt man zeitliche Veränderungen fest, d. h. die Ordnung der Ereignisse kann eine andere sein, die Geschwindigkeiten variieren höchstwahrscheinlich und nicht alle Ereignisse der Geschichte werden in der Erzählung präsentiert oder sie werden sogar oftmals wiederholt. Daraus folgt die Notwendigkeit, die Kategorien der Zeit (Ordnung, Dauer, Frequenz) zu untersuchen.

2. Im Vergleich zwischen den beiden Ebenen Geschichte und Erzählung lassen sich außerdem unterschiedliche Formen und Stufen der narrativen Darstellung feststellen. Man hat sich mit den Möglichkeiten auseinanderzusetzen, aus welcher Perspektive Geschehnisse präsentiert werden können. Wie in der Grammatik Aussageweisen unterschieden werden, die Satzaussagen kennzeichnen, färben und modifizieren (Indikativ, Konjunktiv, Imperativ), so unterscheiden auch die Narratologen modale Ausdrucksformen. Diese Modi müssen bestimmt und untersucht werden. Die entsprechende Kategorie nennt Genette Modus.

3. Sowohl in der Beziehung zwischen Narration und Erzählung als auch Narration und Geschichte lässt sich jeweils feststellen, wie sich die narrative Instanz oder Situation präsentiert. Diese Präsentation des Inhalts mittels der Erzählung wird unter der Kategorie der Stimme verhandelt. Sie ist zu trennen von dem, was wir unter 2. als Modus skizziert haben. Die Stimme markiert den Ursprung der Erzählinformation, grob gesagt den Erzähler – aber nur in dem Sinne, dass jemand oder etwas ein Geschehen überliefern muss. Diese Ebene der narrativen Instanz wird häufig vernachlässigt, da sie als conditio sine qua non verstanden wird, die keine weitere Untersuchung verlangt. Ein Irrtum, wie sich zeigen wird.