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Grundlagen II

 

Um diese fünf Kategorien (Ordnung, Dauer, Frequenz, Modus, Stimme) überhaupt untersuchen zu können, müssen die Ebenen vergleichbar gemacht werden. Da es hier um die Betrachtung von Strukturen geht, nicht um inhaltliche Aussagen, sollten die Bedingungen geschaffen werden, strukturelle Prinzipien erkennbar zu machen. Das bedeutet, dass Erzählungen in Einheiten zerlegt werden, die es ermöglichen, sie mit anderen ins Verhältnis zu setzen. Wie das geht, beschreibt Genette nicht. Das liegt daran, dass dies 1966 bereits Roland Barthes unternommen hatte. Barthes erläutert in seinem Beitrag „Einführung in die strukturale Analyse von Erzählungen“ [Roland Barthes: Einführung in die strukturale Analyse von Erzähltexten. In: Ders.: Das semiologische Abenteuer. Frankfurt am Main 1988 (= es 1141), S. 102–143.] die Möglichkeiten einer Textsegmentierung.

Die Segmentierung eines Erzähltextes funktioniert vor allem über die Abgrenzung von Sequenzen. Auch das setzt voraus, dass eine Erzählung eine Hierarchie von unterscheidbaren Ebenen bildet. Laut Barthes sind dies die Ebenen Funktionen, Handlungen und die Narration. Ausgangspunkt der Analyse sind also nicht die Figuren einer Erzählung, die zu schnell zu einer interpretativen Beschäftigung führen können, sondern Aktionen, die dann erst in einem zweiten Schritt ihren Ausführenden zuzuordnen sind. Entscheidend für die Segmentierung einer Erzählung sind die Funktionen. Die anderen genannten Ebenen müssen an dieser Stelle nicht besprochen werden, da sie von Genette in seinen Ausführungen grundlegend behandelt wurden.

Funktionen sind Erzähleinheiten, die zusammen genommen die spezifische Ausrichtung der Erzählung ausmachen. Sie sind vergleichbar mit Perlen einer Perlenkette, deren individuelle Gestalt die Besonderheit der Kette ausmacht. Obwohl die Kette nur in ihrer Gesamtheit ein Kunstwerk darstellt, sind die einzelnen Perlen durchaus interessant, erfüllen ihre Funktion und können meist Gruppen zugeordnet werden. Eben diese Zuordnung ist in Barthes’ Text höchst verwirrend. Im Folgenden wird der Versuch unternommen, seine Unterteilung der kleinen Erzähleinheiten eines Textes, die Funktionen genannt werden, weil sie eine besondere Funktion in einer Erzählung erfüllen, nachzuvollziehen.

Funktionen auf einer Ebene sind distributionelle Funktionen. Wenn beispielsweise eine Figur in einer Erzählung einen Telefonhörer abnimmt, dann ist zu erwarten, dass dieser Hörer an einer späteren Stelle wieder aufgelegt wird. Einer Handlung an einem Punkt der Erzählung entspricht auf der gleichen Ebene eine spätere, komplementäre Handlung, die aber nicht unbedingt erzählt werden muss, da der Rezipient für gewöhnlich mitdenkt.

Neben distributionellen Funktionen kann es integrative geben, die sozusagen die Ebene verlassen. Sie greifen von einer Ebene auf eine andere, eine höhere zu und sind auch nur von dieser höheren aus als integrativ zu erkennen. Gemeint sind mit diesen Funktionen alle Hinweise auf Signifikate über die wörtliche Bedeutung hinaus. Solche Funktionen werden von Barthes auch Indizien genannt. Sie verweisen auf eine Atmosphäre, einen Charakter oder ähnliches. Wenn sich eine Figur beispielsweise nach dem Auflegen des Hörers zitternd ein Glas Whisky einschenkt, dann ist das ein Indiz für die Wichtigkeit der telefonisch übermittelten Information und deren Wirkung.

Aus dem eben Erläuterten folgt, dass Funktionen einen Handlungsverlauf beeinflussen (wenn a, dann ist b zu erwarten), Indizien dagegen nicht. Welche der beiden Klassen sich in welchem Maß in Texten finden, ist sehr unterschiedlich. Es gibt hochgradig funktionelle und hochgradig indizielle Erzählungen. Auf diese Weise lassen sich auch Gattungen beschreiben. Märchen beispielsweise sind in erster Linie funktionell.

Funktionen lassen sich des Weiteren unterteilen in Kardinalfunktionen (oder Kerne) sowie Katalysen. Kardinalfunktionen sind die so genannten ‚Scharniere‘ der Erzählungen; sie bieten ihre Risikomomente. Eine Kardinalfunktion bestimmt die Richtung der Erzählung. An ihrer Stelle hätte ebenso gut eine andere, alternative Kardinalfunktion präsentiert werden können, wobei die Geschichte eine völlig andere Wendung genommen hätte. Diese Erzähleinheiten bieten meist die Antwort auf die bange Frage „Was wird denn jetzt geschehen?“

Katalysen hingegen sind Kleinstgeschehen oder Kleinstbeschreibungen. Sie sind lediglich konsekutiv (aufeinander folgend), während die Kerne auch konsequentiell (aufeinander bezogen) wirken. Mehrere Kerne werden sozusagen von Katalysen unterbrochen, oder – anders gesagt – eine Erzählung, die sich als Aneinanderreihung von Kernen versteht, ist endlos katalysierbar. Wenn beispielsweise eine Figur Selbstmord begeht, führt sie mehrere Handlungen aus, die in letzter Konsequenz zu ihrem Tod führen. Die elementaren Handlungen im Zug dieser Selbsttötung sind Kerne. Würde sich die Erzählung auf die Nennung dieser Kerne beschränken, erfolgte der Selbstmord sehr schnell und kurz. Meistens wird eine solche Sequenz deshalb mit Katalysen gefüllt, in denen beispielsweise der Schauplatz beschrieben oder die Gefühle der Figur wiedergegeben werden.

Aus dem eben Erläuterten folgt, dass eine Katalyse stets das Vorhandensein einer Kardinalfunktion bedingt, an die sie sich anschließt. Eine Erzählung ohne Kardinalfunktion, nur bestehend aus Katalysen, ist nicht vorstellbar. Jede Geschichte muss handlungsentscheidende Einheiten aufweisen, um eine Geschichte sein zu können. Weiterhin bedeutet dies, dass Kerne in der Regel Handlungen sind, also durch Verben ausgedrückt werden.

Indizien unterteilen sich in Indizien im engeren Sinn (Charakter, Gefühl, Atmosphäre) und Informanten. Die Informanten dienen dem Zurechtfinden im Raum, es sind konkrete Angaben hinsichtlich der Situation.

Katalysen, Indizien und Informanten sind nichts anderes als Ausweitungen der Kerne (Kardinalfunktionen). Indizien und Informanten sind frei miteinander kombinierbar.

Fasst man mehrere Funktionen zu einer Gruppe zusammen, bildet man eine Sequenz. Diese definiert Barthes folgendermaßen: „Eine Sequenz ist eine logische Folge von Kernen, die miteinander durch eine Relation der Solidarität verknüpft sind: Die Sequenz wird eröffnet, wenn eines ihrer Glieder keinerlei solidarische Prämisse besitzt, und geschlossen, wenn ein anderes ihrer Glieder kein aus ihm folgendes mehr besitzt.“ (S. 118)

Die Segmentierung eines Erzähltextes erfolgt also durch die Isolierung einzelner Funktionen, deren Klassifizierung und schließlich Einteilung in Sequenzen.

Das Zerlegen von Erzählungen ist keine einfache Sache, aber sie ist weniger schwer, als man meinen könnte. Sie ist auch weniger individuell, als meist angenommen wird. Jeder, der versucht, einen Text zu segmentieren, sollte sich klar machen, dass es nicht darum geht, auf die eine wahre Struktur hinter einem Text zu kommen. Es geht vielmehr darum, nach vorher festgelegten und handhabbaren Prinzipien Strukturen offen zu legen. Natürlich ist es vielfach schwierig, Kardinalfunktionen von Katalysen abzugrenzen bzw. überhaupt Ereignisse und Handlungen zu bestimmen. Im Einzelnen ist das jedoch nicht überaus wichtig. Wenn man nämlich annimmt, dass Erzählen eine menschliche Fähigkeit ist, die man im Laufe der eigenen Sozialisation erwirbt und perfektioniert, dann müssen alle Erzählungen eine verwandte grundsätzliche Struktur aufweisen, die andererseits für den, der untersucht, leicht greifbar sein wird – falls diese Person über dasselbe oder ein vergleichbares kulturelles Wissen verfügt. Kurz gesagt: Unterschiedliche Personen segmentieren dieselbe Erzählung bei genauer Beachtung der Klassifikationen nicht identisch, aber so ähnlich, dass die Abweichungen bei einer Auswertung der Analyse vernachlässigt werden können.

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