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Externe Analepsen

I. Externe Analepsen/Prolepsen

1. Externe Analepsen

Genette beschreibt die externe Analepse folgendermaßen

„Die externen Analepsen […] laufen nie Gefahr, sich mit der Basiserzählung zu überschneiden, und ihre Aufgabe besteht nur darin, diese zu ergänzen, um den Leser über das eine oder andere ‚frühere Ereignis’ zu unterrichten […].“ (S. 33)

Wenn beispielsweise in einem Roman auf 500 Seiten von den Geschehnissen eines einzelnen Tages erzählt wird, gehören alle Retrospektionen oder Antizipationen, die sich außerhalb dieses Zeitraums bewegen, nicht zur Basiserzählung; sie sind daher extern. So auch ein Spaziergang, der zwei oder drei Wochen vor diesem besagten Tag stattgefunden hat:

„Das Deckenlicht flackerte im Takt von Schwellen, die den Zug zum Rumpeln brachten. Von starken Scheinwerfern illuminiert, standen Arbeiter jenseits des Gleises und warteten die Durchfahrt ab. Vorbei. Das Lächeln Chiaras. Ihre hohe Stirn.
Die Scheibe spiegelte einen Ring, der durch ein leicht abstehendes linkes Ohr getrieben war. Es hatte sich um einen richtigen Überfall gehandelt, als Evelin vor zwei, drei Wochen während eines Spaziergangs unvermittelt das Juweliergeschäft betrat, los komm schon, um sich ein Kissen mit Ohrringen zeigen zu lassen, von denen sie einen, nicht zu groß und nicht zu klein, auswählte, nachdem sie ihn prüfend ans linke Ohr gehalten hatte. […]
Stefan schüttelte den Kopf, sein Gegenüber tats ihm gleich. Dann lehnte er sich mit gekreuzten Armen gegen die seitliche Begrenzung der Bänke und sah in den Waggon; die Sitzenden lasen zumeist, die Stehenden stierten; Pepitahut aß Kekse.“

Ulrich Peltzer: Stefan Martinez. Zürich 1995, S. 41 f.

 

Zu unterscheiden sind externe Analepsen dahingehend, ob sie partiell oder ob sie komplett sind. Partielle Analepsen sind nicht an die Basiserzählung anzubinden. Die erzählten Ereignisse liegen in einer ‚Vorzeit’, die Retrospektive endet elliptisch. So ist es auch in dem eben besprochenen Beispiel.

Eine komplette Analepse dagegen erreicht die Basiserzählung wieder, so dass es zu keinem Kontinuitätsbruch kommt. Das zeigt sich deutlich bei dem folgenden Ausschnitt aus einer Erzählung Brechts:

„Meine Großmutter war zweiundsiebzig Jahre alt, als mein Großvater starb. Er hatte eine kleine Lithographenanstalt in einem badischen Städtchen und arbeitete darin mit zwei, drei Gehilfen bis zu seinem Tod. Meine Großmutter besorgte ohne Magd den Haushalt, betreute das alte, wacklige Haus und kochte für die Mannsleute und Kinder. Sie war eine kleine magere Frau mit lebhaften Eidechsenaugen, aber langsamer Sprechweise. Mit recht kärglichen Mitteln hatte sie fünf Kinder großgezogen – von den sieben, die sie geboren hatte. Davon war sie mit den Jahren kleiner geworden. Von den Kindern gingen die zwei Mädchen nach Amerika, und zwei der Söhne zogen ebenfalls weg. Nur der Jüngste, der eine schwache Gesundheit hatte, blieb im Städtchen. Er wurde Buchdrucker und legte sich eine viel zu große Familie zu. So war sie allein im Haus, als mein Großvater gestorben war.
Die Kinder schrieben sich Briefe über das Problem, was mit ihr zu geschehen hätte. Einer konnte ihr bei sich ein Heim anbieten, und der Buchdrucker wollte mit den Seinen zu ihr ins Haus ziehen. Aber die Greisin verhielt sich abweisend zu den Vorschlägen und wollte nur von jedem ihrer Kinder, das dazu imstande war, eine kleine geldliche Unterstützung annehmen. […] Der Buchdrucker übernahm es auch, seinen Geschwistern mitunter über die Mutter zu berichten. Seine Briefe an meinen Vater und was dieser bei einem Besuch und nach dem Begräbnis zwei Jahre später erfuhr, geben mir ein Bild von dem, was in diesen zwei Jahren geschah.“

Bertolt Brecht: Die unwürdige Greisin. In: Ders.: Gesammelte Werke in 20 Bänden. Bd. 11: Prosa I. Frankfurt am Main 1967, S. 315-320; hier S. 315 f.

Die Erzählung basiert auf einer Schilderung des Lebens der Großmutter nach dem Tod des Großvaters, die Familiengeschichte vor diesem Ereignis ist daher zwar wichtig für das Verstehen der Erzählung, aber nicht Teil der Basiserzählung. Man sieht sehr deutlich, dass komplette Analepsen schwer zu isolieren sind, da ihr direkter logischer Anschluss an die Basiserzählung sie häufig eng mit ihr verzahnt, so dass eine Trennung kaum möglich zu sein scheint.

Die unterschiedlichen Funktionen dieser beiden Arten von externen Analepsen beschreibt Genette folgendermaßen:

„Die erste hat nur den Zweck, dem Leser eine einzelne Information zu verschaffen, die nötig ist, um ein bestimmtes Element der Handlung zu verstehen, die zweite, eng verknüpft mit der Praxis des in medias res-Anfangs, zielt darauf, die gesamte narrative ‚Vorgeschichte’ aufzuhellen [...].“ (S. 42)

Aus ihrer unterschiedlichen Funktion leitet sich das quantitative Gewicht der Analepsen ab. Komplette Analepsen umfassen meist sehr viel größere Sequenzen als partielle.