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Prolepse

In der Rhetorik zählt die Prolepse (gr. prolepsis) zu den Stilmitteln, vermittels derer in der Elocutio – einem Stadium der Redeproduktion – Argumente und Thesen sprachlich ausgestaltet werden. Als so genannte Sinnfigur und Unterform des Hysteron proteron („das Spätere zuvor“) nutzt sie der Orator, um ein Ereignis vorweg zu nehmen, das logisch oder zeitlich folgt, u. a. durch eine syntaktische Voranstellung eines Wortes oder Satzteils. Eng gekoppelt an den Funktionszusammenhang der Rede, zum Beispiel überzeugend einen Sachverhalt darzubieten, bewirkt die Prolepse vor allem einen Überraschungseffekt. Der französische Wissenschaftler Gérard Genette hat den Begriff – äquivalent in der Erzähltheorie ist Vorausdeutung (Eberhard Lämmert) – in Bezug auf die Analyse literarischer Erzähltexte aktualisiert. Beibehalten ist die Prämisse der Rhetorik, dass die zeitliche oder kausal-logische Abfolge von Ereignissen, der Geschichte, durch Erzählen verändert werden kann. So stellt die Prolepse eine Dissonanz der Geschichte im Vergleich mit dem narrativen Diskurs her, eine Anachronie in der Ordnung: der Erzähler benennt/evoziert einen Zeitpunkt und/oder ein Ereignis, das dem gegenwärtigen Zeitpunkt seiner Narration (Basiserzählung) voraus liegt. Gérard Genette stellt fest: „Jede Anachronie stellt gegenüber der Erzählung, in die sie sich einfügt – der sie sich aufpfropft –, zeitlich gesehen eine zweite Erzählung dar […]“ (Die Erzählung, S 32).
Beginn und Ende von Prolepsen können unterschiedlich markiert sein (zum Beispiel durch zeitdeiktische Adverbien: „später“) oder bleiben unklar. Spezifiziert werden sie gemäß der zeitlichen Reichweite und der Dauer des Einschubs.

Literatur: Gérard Genette: Die Erzählung. 2. Auflage München 1998.
Lothar Kolmer/Carmen Rob-Santer: Studienbuch Rhetorik. Paderborn 2002 (=UTB 2335).

K.Ko.