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Nullfokalisierung

(auch unfokalisierte Erzählung, franz. Org.: focalisation zéro)
Der Begriff geht zurück auf die Erzähltheorie von Gérard Genette, nach welcher zur Bestimmung der Erzählsituation in einem literarischen Werk nicht nur die Erzählinstanz („Wer spricht?“, franz. org. „Qui parle?“; Stimme), sondern auch immer die Perspektive („Wer sieht?“, „Wer nimmt wahr?“, franz. Org.: „Qui voit?“, „Qui percoit?“) berücksichtigt werden muss. Die Perspektive fasst Genette unter den Begriff der Fokalisierung zusammen und unterscheidet die drei Fokalisierungsgrundtypen (Perspektivmöglichkeiten) interne Fokalisierung, externe Fokalisierung und Nullfokalisierung.
Danach sind literarische Erzählungen oder Teile literarischer Erzählungen ohne eine bestimmte Figurenperspektive nullfokalisiert (auch unfokalisiert).
Der Erzähler ist, im Gegensatz zur internen oder externen Fokalisierung, stärker in der Erzählung präsent als die Figuren (vgl. Todorov: Erzähler > Figur) und liefert damit dem Leser Informationen, die keine der Figuren in der Erzählung haben kann; somit ist das Blickfeld der Erzählung sehr groß und nicht durch eine bestimmte Sichtweise eingeschränkt. Die Erzählperspektive entspricht dem Begriff des „auktorialen Erzählers“ bei Franz K. Stanzel.
Für alle Fokalisierungsmöglichkeiten gilt, dass die Fokalisationen innerhalb literarischer Erzählungen nicht immer (bzw. fast nie) konstant sind. Fokalisierungswechsel sind also in fast allen literarischen Erzählungen zu beobachten.

Literatur
GENETTE, Gérard: Nouveau discours du récit. Paris 1983 (dt. Die Erzählung. München 1998 [1994]).
STANZEL, Franz: Theorie des Erzählens. Göttingen 1995 [1979].
TODOROV, Tzvetan: Les catégories du récit littéraire. In : Communications 8 (1966). S. 125-151.

(J.S.)