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Ironie

Die Ironie ist eine Verstellung, die als solche durchschaut werden möchte. Für die Literaturwissenschaft sind zwei Auffassungen entscheidend: zum einen die seit der antiken Rhetorik bekannte, die Ironie als Trope oder Figur beschreibt, zum anderen die v.a. in der Romantik, im New Criticism und im Poststrukturalismus etablierte, die Ironie als konstitutives Merkmal von Literatur überhaupt versteht.
Als rhetorische Verstellung gibt das ironisch geäußerte das Gegenteil des Gemeinten wieder, das aber vom intendierten Rezipienten unbedingt verstanden werden soll. Damit können drei Ziele verfolgt werden: Das Gemeinte wird in seiner ursprünglichen Bedeutung verändert – z.B. drückt ein in Lob verpackter Tadel neben dem Tadel nun auch Spott aus –, es werden versteckte Bedeutungen kommuniziert, wenn die Ironie nicht für alle durchschaubar ist, und/oder es werden Inhalte übermittelt, von denen sich der Sprecher im Nachhinein distanzieren möchte indem er auf der unmittelbaren Bedeutung des Geäußerten beharrt. Dies macht die Ironie zum idealen Mittel indirekter Polemik: Man kann einen Gegner verspotten, eventuell ohne dass dieser es merkt, und anschließend, falls erforderlich, jede schlechte Absicht abstreiten.
Damit eine Ironie verstanden wird, muss diese durch Ironiesignale sowohl im para- und nonverbalen Kontext – z.B. im Tenor des Sprechens, in der Betonung, in Gebärden – als auch im innersprachlichen (hier wäre z.B. die Hyperbel geeignet) begleitet werden.
Eine besondere Form der rhetorischen Ironie ermöglichen die Genres Drama und Epik. Wenn eine Figur Dinge nicht weiß, die aber den Rezipienten bekannt sind, können deren Äußerungen entsprechend ironisch auf Zuschauer, Hörer oder Leser wirken, so z.B. wenn König Ödipus den Mörder seines Vaters verflucht, ohne zu wissen, dass er selbst seinen Vater getötet hat.
Die Romantiker weiteten die Anwendung des Ironiebegriffs auf literarische Texte insgesamt aus, da diese davon leben, Bedeutungen immer nur indirekt durch kontrastierende Aussagen zu vermitteln. So wird Ernst im Scherz (Don Quijote), Weisheit durch Narrheit (der weise Narr), Wissen durch Ignoranz (Sokrates) u.s.w. ausgedrückt. Hinzu kommt die Tatsache, dass sich der Autor der Künstlichkeit und Unvollendung seines Werkes, das sich als vollendete Einheit verstellt, bewusst ist und dies verdeutlicht, wenn er den Erzähler in metafiktionalen Äußerungen aus seinem Werk ironisch heraustreten lässt. Ähnliches wird durch einen Ich-Erzähler oder eine personale Ezählperspektive erreicht.
Im New Criticism wird der organische Zusammenhang eines dichterischen Kunstwerks als Gleichgewicht von Kräften, die sich alle auf das Ganze beziehen, angenommen. Die Ironie besteht hier darin, dass dieser strukturelle Zusammenhang nichts mit der Realität zu tun hat und durch Kontrastierung deren Strukturlosigkeit besonders eklatant verdeutlicht.
Für Poststrukturalisten spielt der Begriff der Ironie keine große Rolle, da hier mit diesem nichts mehr abgegrenzt werden könnte. Jedes Schreiben und Sagen ist, so sehr es auch versucht, direkt signifikant oder sogar referentialisierbar zu sein, indirekt und uneigentlich, wobei ein Direktes und Eigentliches nicht ermittelt werden kann. Es kann nichts unzweideutig gesagt oder rezipiert werden. Den fehlenden Zusammenhang von Zeichen und inszeniert die Literatur bewusst. Nur diese hat sich mit der unvermeidlichen Fiktionalität allen Schreibens arrangiert und kann sich durch (ironische) Selbstreflexion dekonstruieren.

(S. B.)